(310) Die Beerdigung hatte Elvira Franke sehr mitgenommen.

von Alain Fux

Die Beerdigung hatte Elvira Franke sehr mitgenommen. Zusammen mit den Studenten, „ihren Jungs“, wie sie sagte, war sie danach in eine Gaststätte gegangen. Dort musste sie sich erst einmal frisch machen auf der Toilette. Sie hatte weinen müssen und das sah man ihren Augen an.

„Domeniks Vater fand ich sehr seltsam“, sagte sie, als sie wieder bei den Jungs am Tisch saß. Alle murmelten zustimmend.

Elvira war über zehn Jahre älter als sie und die Sekretärin der Chemiefakultät. In diesem Job hatte sie ihre Berufung gefunden. Sie kümmerte sich um die Jungs (Mädchen hatte es bisher noch nie an der Fakultät gegeben) und manchmal ergab sich eine kurze Affäre mit den Studenten, die aber für beide Seiten in stiller Übereinkunft nur befristet war. Es hatte wohl keiner in den letzten Jahren an der Universität in Chemie promoviert, der nicht ein paar Nächte in Elviras Bett verbracht hatte und den sie am nächsten Morgen nicht mit einem richtigen Frühstück verwöhnt hatte. Ihr Ziel war es, dass einer ihrer Jungs es später bis zum Nobelpreis brachte.

Ihre Affären waren ein offenes Geheimnis und da keiner groß Aufhebens darum machte, war es ein Arrangement, das von allen toleriert wurde. Auch mit Domenik hatte Elvira ein paar Wochen die Intimität geteilt. Der Unfall, bei dem er starb, war ihr sehr nahe gegangen. So wie allen anderen Studenten, denn er war immer freundlich, ehrgeizig, aber auch etwas zerstreut. Das hatte ihm wohl das Leben gekostet. Er hätte wissen müssen, wie gefährlich altes Kalium war.

„Sein Vater war irgendwie abwesend bei der Zeremonie“, wiederholte Elvira. „So, als ob es ihn nichts anginge.“ – „Vielleicht war er noch immer geschockt.“ – „Wie wir alle.“ Jetzt war es an Elvira zu nicken.

Als Folge des Unfalls durften Studenten die Labore jetzt nicht mehr alleine benutzen. „Zu spät“, hatte Elvira gedacht, als sie den Aushang dafür ausdruckte.

Die Trauernden aßen etwas in der Gaststätte und tranken einiges. Die Stimmung hob sich langsam. Es wurden einige Toasts auf Domenik ausgesprochen und nach und nach bewegten sich die Gesprächsthemen in andere Richtungen.

Kurz bevor sie zum Bahnhof aufbrachen, meinte einer in die Runde: „Wie Elvira zu sagen pflegt: ‚Weiter. Es geht immer weiter.‘“ Elvira war sehr beflissen, ihre Jungs zu motivieren, wenn es im Studium mal schwieriger wurde. Dazu las sie immer die neuesten Werke von anerkannten Motivationstrainern. Gerade hatte sie mit „Du bist, wer du sein möchtest“, von Jay Malek angefangen. Auch Chemiker hatten Gefühle und einiges davon würde sie anwenden können.

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