(307) Als die zweite Flasche langsam zur Neige ging, hatte Freiberg Mühe, seine Augen weiter auf das Gemälde zu fokussieren.

von Alain Fux

Als die zweite Flasche langsam zur Neige ging, hatte Freiberg Mühe, seine Augen weiter auf das Gemälde zu fokussieren. Gerade als seine Augen zufallen wollten, bewegte der Dandy den Kopf. Freiberg war gleich wieder hellwach und starrte gebannt hin, als der Mann auf dem Gemälde, seinen Hut abnahm, ihn auf den Tisch legte und den Dackel streichelte. Dann wandte er sich direkt an Freiberg: „Sie schenken mir so viel Beachtung. Ich muss Ihnen dafür etwas zurückgeben. Etwas, das mich schon seit sehr langer Zeit bewegt und auch für Sie nicht unwichtig sein dürfte. Wir leben in einer wunderbaren Zeit, nicht wahr?“

Als der Dandy eine Pause machte, nickte Freiberg mit dem Kopf. Er konnte nicht begreifen, wie das Gemälde mit ihm reden konnte. Er wusste nicht, ob ihm das die Ehrfurcht vor dem Kunstwerk wiedergab oder ob es jetzt für ihn vollends verdorben war. Kunstwerke, die einen direkt ansprachen, empfand Freiberg als störend. Hoffentlich würde der Dandy nicht auch noch auf die Umstände zu sprechen kommen, unter denen Freiberg das Gemälde erworben hatte.

„Ich habe mich noch gar nicht vorgestellt. Ich bin Timothy Leary. Man nennt mich Drogenguru, weil ich 311 persönliche LSD-Trips hinter mir habe. Eigentlich aber bin ich ein Philosoph.“ Freiberg glotzte ihn an.

Leary fuhr fort: „Wir erleben es gerade, dass wir unseren größten Erzfeind überwinden, den Tod. Der Tod ist in meinen Augen ein Irrtum.“

Nein, Leary schien kein Problem mit der illegalen Kauftransaktion seiner Existenz zu haben. Freiberg wurde langsam wieder müde, versuchte aber tapfer, seine Augen aufzuhalten und den Worten Learys zu folgen. Der Dackel schien aufmerksamer als Freiberg.

„Ja, Sie haben richtig gehört. Wir sind schon seit einiger Zeit in der Lage, den frühen Tod zu verhindern. Die Wahrscheinlichkeit ist sehr hoch, dass Kinder zu Erwachsenen werden, solange ihnen kein Unglück zustößt. Nein, hier gibt es bereits große Fortschritte. Was aber gerade zusätzlich passiert ist, dass wir unsere Lebenserwartung fast unbegrenzt nach oben verändern können. Was ermöglicht dies? Das ist vor allem die Biotechnologie. Es ist die Genforschung. Wir haben unsere DNA schon sehr weit erforscht, aber wir wissen noch nicht genau, was wir damit anfangen können.

Nun, ich sage Ihnen, was wir damit anfangen können. Wir können zuerst sehen wie unsere DNA programmiert ist und damit unsere Schwachpunkte herausfinden. Und dann können wir Maßnahmen in die Wege leiten, um diese Schwachpunkte auszumerzen. Wir können fast alle unbegrenzt alt werden, Herr Freiberg. Hören Sie mir zu?“

Leary hatte sein Gegenüber verloren. Freiberg hatte die Augen geschlossen und döste schnaufend vor sich hin. Der Dackel winselte, bis der Dandy ihn streichelte. Im Schlaf entfuhr Freiberg ein kleiner Furz.

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