(306) Siegfried Freiberg öffnete die Flasche Rotwein und schenkte sich etwas davon ein.

von Alain Fux

Siegfried Freiberg öffnete die Flasche Rotwein und schenkte sich etwas davon ein. Er kostete und füllte das Glas. Dann hob er die Glasglocke von diesem exzellenten Brie de Meaux, dessen Aroma sofort sein holzgetäfeltes Arbeitszimmer füllte. Er setzte sich hin und trank einen Schluck. Dann aß er ein Stück Käse.

Dazu schaute er auf die Staffelei, die vor seinem Schreibtisch stand, und auf der das Gemälde positioniert war. „Dackel mit Dandy“, von Andreas Hering. Freiberg hatte schon immer eine Schwäche für die Bilder von Hering gehabt. Insbesondere der Dackel mit Dandy hatte es ihm angetan. So sehr, dass er sich nicht traute, das Gemälde im Original im Museum anzuschauen.

Doch dann hatte sich die Gelegenheit ergeben, das Gemälde unter der Hand zu erwerben. Keine Fragen gestellt und keine Fragen beantwortet. Wirtschaftlich auf jeden Fall ein Fiasko, denn er würde das Gemälde nicht weiterverkaufen können. Purer Idealismus also.

Jetzt stand das Bild vor ihm und er war enttäuscht. Auf den Fotos hatte das Bild lebendiger ausgesehen. Der malerische Gestus war auf den Abbildungen weicher gewesen und hatte deshalb realistischer gewirkt.

Auf der rechten Seite des Bildes saß der Dandy, ein mittelalter Mann in einem formellen Gehrock und einem steifen Hut. Er trug einen Vollbart und seine Augen blitzten vor schelmischer Freude. In seinen behandschuhten Händen hielt er quer vor sich einen geschnitzten Spazierstock. Er saß auf einem ebenfalls geschnitzten Sessel vor einem Gobelin im Hintergrund. Links neben dem Mann stand ein Tisch mit einer Marmoroberfläche. Darauf stand ein Glatthaardackel, der den Betrachter hoffnungsvoll anschaute. Der Dackel trug ein breites Halsband mit einer Leine, deren anderes Ende der Dandy in der Hand hielt. Der Dackel sah aus, als ob er vor Freude mit dem Schwanz wedelte.

Für Freiberg hatte das Gemälde immer einen großen Optimismus ausgestrahlt. Jedes Mal, wenn er sich die Fotos angeschaut hatte, gaben ihm die Komposition und die Charaktere viel Energie für seinen Alltag. Der Dandy und sein Dackel waren zu seinem Rückhalt geworden.

Dann der Kauf. Zuerst erschien es ihm wie Glück, denn das Original musste mehr bewirken als das Abbild. Doch das stellte sich nicht ein. Er fragte sich, ob das Gemälde eine Fälschung sein könnte. Dummerweise konnte er keinen Experten dazu befragen. Er öffnete eine zweite Flasche und schaute weiter auf das Gemälde. Das Geheimnis lag vor ihm. Er musste es lösen.

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