(305) Seit Oliver Kolter die Stelle als Nachtwächter im Kunstmuseum übernommen hatte…

von Alain Fux

Seit Oliver Kolter die Stelle als Nachtwächter im Kunstmuseum übernommen hatte, ging er jeden Tag nach Feierabend in eine Konditorei neben dem Museum frühstücken. Dabei las er Zeitung.

An diesem Tag las er von Meusels Aktion auf der Trinity Sea Princess. Er las den Artikel fünf Mal und konnte auch beim fünften Mal ein Lächeln nicht unterdrücken. Der anonyme Anrufer war er gewesen. Von der Kreuzfahrt und von Munks Teilnahme hatte er am Vortag in der Zeitung gelesen und es schien ihm eine gute Story zu ergeben für die Polizei.

Der Anruf wäre zwar nicht notwendig gewesen, aber es hatte Spaß gemacht und so viel Spaß erlebte Kolter in seinem Nachtwächterdasein normalerweise nie.

Wahrscheinlich war es auch der Grund gewesen, warum er vor Wochen schon den Dandy mit dem Dackel gestohlen hatte. Es war sehr einfach gewesen. Kolter hatte eine Postkarte mit dem Bild im Museumsladen gekauft, sie eingescannt und per Email nach China geschickt. Dort gab es eine Fabrik mit Malern, die gegen Bezahlung Kopien aller Gemälde herstellten. „Dackel mit Dandy“ kostete 359 Euro. Zwei Wochen später hatte er das Gemälde zuhause, allerdings war es zu groß: Die Chinesen hatten Zoll und Zentimeter vertauscht. Er bekam eine Woche später das Bild in der Originalgröße. Er schmuggelte es ins Museum und tauschte es in einer Nacht aus. Das Original verkaufte er über einen Hehler.

Der „Dackel mit Dandy“ von Andrew Hering war kein bedeutendes Werk, eher eine Kuriosität. Kolter hatte nicht erwartet, dass der Austausch auffallen würde. Doch dann plante das Museum eine genaue Untersuchung aller Ausstellungsstücke, weil es mehrere Fälschungen gegeben hatte. Kolter hatte Angst bekommen, dass man über die Chinesen auf ihn kommen würde. Immerhin hatte er unvorsichtigerweise das Bild mit seiner Kreditkarte gezahlt. Deshalb beschloss er, vor der Untersuchung einen Einbruch vorzutäuschen.

Eines Nachts als er dienstfrei hatte, ging er zum Museum und warf ein Fenster ein. Das löste einen Großalarm aus, aber man fand sonst nichts Verdächtiges. Am nächsten Tag ließ Kolter die Kopie verschwinden und zeigte den Diebstahl an. Man ging davon aus, dass das Gemälde bereits in der Nacht vorher bei dem vermeintlichen Einbruch gestohlen worden war. Die Presse startete eine Kampagne, um dieses „Lieblingsbild des Publikums“ wieder zu finden. Allerdings erfolglos.

Dafür hatte Kolter erst einmal zwei Kopien in verschiedenen Größen bei sich zu Hause hängen. Schweren Herzens zerstörte er beide, um kein Risiko einzugehen. Es waren aufregende Zeiten für den Nachtwächter gewesen.

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