(293) Der Abend war ein einziges Fiasko gewesen und René schämte sich dafür.

von Alain Fux

Der Abend war ein einziges Fiasko gewesen und René schämte sich dafür. Er war seit einem Monat mit Susanne zusammen. Freunde hatten sie einander vorgestellt. Zum ersten Mal hatte René das Gefühl, dass sie die Richtige war. Sie war schön, hatte einen tollen Körper und war intelligent. Sie war Balletttänzerin. Er hatte bisher noch keinen Kontakt zum Ballett gehabt. Seine Familie war nicht sehr musisch geprägt.

An diesem Abend hatte Susanne eine Aufführung und er war dabei. Bereits nach kurzer Zeit fand er die Darbietung sterbenslangweilig. Es war zwar Susanne, die mit anderen da unten tanzte und sie sah toll aus und bewegte sich grazil. Aber für René war es unerträglich langatmig. Am Ende wartete er am Bühnenausgang auf sie. Sie verabschiedete sich von ihren Kolleginnen und kam erwartungsvoll auf ihn zu. Er stammelte etwas zusammen und es war ihr klar, dass ihn die Aufführung nicht inspiriert hatte. Sie nahm es hin, löcherte ihn nicht weiter und suchte nach einem anderen Thema. Sie hatte sich bei ihm untergehakt und auch das fühlte sich gut an.

René aber sprach weiter über Ballett, vor allem weil er dachte, dass sie es von ihm erwartete. Da er von Ballett keine Ahnung hatte, suchte er bekanntes Terrain und fing an, über die Wirtschaftlichkeit von Ballett zu reden. Das war ein rotes Tuch für Susanne Siemko, die aus einer Arbeiterfamilie stammte und deren Eltern sich die Ausbildung ihrer Tochter vom Munde hatten sparen müssen. Sie fingen an zu streiten. Mitten auf der Straße. Mal saß der eine, dann der andere auf einer Mauer und wurde von dem anderen belehrt. Mal drohte der eine, dann der anderen, einfach wegzugehen. Immerhin diskutierten sie zunächst lautstark weiter.

Susanne warf ihm vor, nur das Geld hinter allem zu sehen. Wahrscheinlich aus Folge davon, dass er aus einer Kapitalistenfamilie stammte.

Er hielt ihr vor, dass sie auf ihn herabschaute, weil er zu wenig Kultur habe. Außerdem sei sie unglaublich kompliziert und würde schnell einschnappen. Sogar mit ihr ins Restaurant zu gehen, sei ein komplexer Akt, weil sie Vegetarierin sei und immer darauf schaute, dass das Lokal nicht zu vornehm war.

Letzteres stritt sie ab, sagte aber, dass sie als Vegetarierin wenigstens ein reines Gewissen habe. Immerhin unterdrücke sie keine armen Kreaturen.

Das war für René zu viel. Er ließ sie unter dem Lichtstrahl der Straßenlaterne stehen und ging weg, ins Dunkel. Sie musste weinen. Er kam nicht wieder. Schließlich hielt sie ein vorbeifahrendes Taxi an und ließ sich nach Hause fahren.

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