(292) Die vier Tage, die René mit seinem Großvater verbracht hatte, waren schnell vorüber.

von Alain Fux

Die vier Tage, die René mit seinem Großvater verbracht hatte, waren schnell vorüber. Willibald konnte sich noch gut an die Taufe des Jungen erinnern. Und jetzt studierte er bereits, Betriebswirtschaft, und war schon bei seinen Eltern ausgezogen.

Seit Willibald die meiste Zeit im Vaucluse verbrachte, sah er René nur noch selten. Manchmal lud er ihn spontan für ein paar Tage ein. Aber dann war immer wieder etwas anderes, worum Willibald sich kümmern musste. Auch diesmal bedauerte er es, zu wenig mit dem Jungen unternommen zu haben.

Jetzt saßen sie schon wieder im Auto, mit dem Willibald ihn zum Marseiller Flughafen fuhr. Als sie die engen Serpentinen durch Bonnieux hochfuhren, fragte René: „Opa, warum haben wir nicht die Autobahn genommen? Das geht doch viel schneller, als hier durch die Dörfer?“ – „Das ist eine gute Frage, René. Lass uns mal überlegen. Solchen Fragen steht man ja ständig gegenüber. Warum mache ich dieses und warum nicht jenes? Warum reiße ich nieder und warum renoviere ich? Nach langen Jahren habe ich es herausgefunden. Es liegt an dem limitierenden Faktor. Wenn du weißt, was das ist, kannst du viele Probleme lösen. Der limitierende Faktor ist das, was man nur eingeschränkt zur Verfügung hat. Das kann Platz sein, oder Zeit. Sehr oft ist es Geld. Oder Kreditwürdigkeit, was meistens das Gleiche ist. Woran fehlt es uns hier?“ René zuckte mit den Schultern. „Ich weiß es nicht. Zeit?“ – „Nein, ganz und gar nicht. Es macht eine Viertelstunde Unterschied aus und wir sind sehr gut in der Zeit. Sogar, wenn wir einen Platten hätten. Nun?“ – „Ich gebe auf.“ – „Es ist das Geld, mein Junge. Die Autobahn kostet Maut und die können wir uns auf diesem Weg sparen.“ – „Es fehlt dir an Geld? Das kann doch nicht sein.“ – „Ich habe nicht gesagt, dass es uns an Geld fehlt. Aber von allem, was uns zur Verfügung steht, bringt es uns am Meisten. Es ist wichtiger als alles andere. Und deshalb sparen wir uns die Maut und fahren via Aix über diese hervorragende Route Départementale. Natürlich wäre es etwas anderes, wenn wir einen unaufschiebbaren Geschäftstermin hätten, bei dem wir viel Geld verdienen könnten. Dann würden wir möglicherweise mit dem Helikopter fliegen. Aber nicht jetzt. Ich habe lange Zeit gebraucht, bis ich das begriffen hatte. Es macht einem auch harte Entscheidungen sehr viel leichter. Das lernt man nicht an der Uni. Das lernt man nur vom Leben, oder von seinem Großvater.“ Willibald lachte und knuffte René in die Seite. „Danke, Opa. Ich werde es mir merken.“

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