(289) Eva Haupert und Felix Kirschke standen vor ihrem Haus auf dem Bürgersteig…

von Alain Fux

Eva Haupert und Felix Kirschke standen vor ihrem Haus auf dem Bürgersteig und ließen den Tag Revue passieren. Sie waren über vier Stunden unterwegs gewesen und hatten mehrere Häuser im Viertel abgeklappert. Zuerst notierte Eva den Namen an der Klingel in dem Vordruck für die Unterschriften. Dann klingelte Felix und stellte sich neben Eva vor die Wohnungstüre. Oft waren die Wohnungen leer, manchmal bellte nur ein asthmatischer Hund hinter der Tür. Manchmal wurde die Tür geöffnet. Dann redete Eva. Sie stellte Felix und sich vor und erklärte, dass auch sie im Viertel wohnten. Sie erzählte von dem Motorradklub, der ein Hintergebäude in Beschlag genommen hatte und in dem Haus Lärmterror sowie Angst und Schrecken verbreitete. Dann erläuterte sie das Vorhaben der Unterschriftenaktion: Nämlich ein Verbot des Klubhauses und am besten auch noch eine Verwarnung für den Investor, der das Viertel verkommen ließ, um die Häuser umbauen zu können und teure Wohnungen zu verkaufen.

Sie hatte ihre kleine Rede zuerst alleine aufgeschrieben, dann zum Test Felix vorgetragen. Er hatte an manchen Stellen Änderungsvorschläge gehabt. Zum Schluss hatte sie zuhause immer wieder vor dem Garderobenspiegel geprobt, bis sie alles fehlerfrei aufsagen konnte.

Manchmal sagten die Leute, dass sie nicht interessiert waren, keine Zeit hatten, bald wegziehen würden oder Ähnliches. Viele unterschrieben allerdings und lobten die beiden Rentner für ihr Engagement.

Am Ende hatten sie an diesem Tag dreizehn Unterschriften gesammelt. Alle Wohnungen, in denen sie niemand angetroffen hatten, würden sie am Samstag noch einmal besuchen.

Eva hatte bereits einen Termin beim Bürgermeister, wo sie die Unterschriften überreichen wollte. Dazu wollte sie noch einen Reporter vom Lokalblatt mitnehmen, um auch die Öffentlichkeit zu erzeugen. Eva und Felix verabschiedeten sich, er wohnte im ersten, sie im dritten Stock. Als Eva ihre Wohnungstür aufschloss, lag ein Blatt Papier auf dem Teppich in der Diele. Sie hob ihn auf und entfaltete ihn. Darauf stand in ungelenken Buchstaben: ‚Wir wissen, wo Du wohnst!‘

Eva starrte auf den Zettel und versuchte dessen Tragweite zu erfassen. Dann ging sie wieder aus der Wohnung, hinunter zu Felix. Sie klopfte, aber es rührte sich erst einmal nichts. Sie klopfte lauter und rief nach ihm. Dann öffnete sich die Tür, gesichert mit einer Kette. „Lass mich rein, du siehst doch, dass ich es bin.“ Felix hatte den gleichen Zettel erhalten. Er war kreidebleich und zitterte am ganzen Leib. Eva machte ihm einen Tee. Als er sagte, dass er wegziehen wollte, schüttelte Eva den Kopf. „Unsinn. Wir kämpfen. Ich lasse mich hier nicht wegjagen. Von keinem!“

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