(287) Cornel hatte Loretta im Supermarkt getroffen.

von Alain Fux

Cornel hatte Loretta im Supermarkt getroffen. Er hatte sich etwas billigen Käse und Wein gekauft, den er alleine in seiner Mansardenwohnung essen wollte. Sie hatte zwei schwere Einkaufstaschen in den Händen und mühte sich damit ab. Sie hatten sich schon öfters im Viertel gesehen, aber bisher hatte sich kein Kontakt ergeben. Er erbot sich, ihr die Einkaufstaschen nach Hause zu tragen. Er schien Loretta so erfrischend anders, so offen und freundlich, dass sie einwilligte.

Sie lud ihn auf einen Kaffee ein. Dabei erzählte er ihr in großer Offenheit seine Geschichte. Auch den vermeintlichen Mord ließ er nicht aus. Als die Zeit voranschritt, tranken sie seinen Wein und aßen seinen Käse. Er erzählte ihr von seiner Arbeit am Sankt-Lorenz-Strom, von den kalten, langen Wintern. Von seiner Sehnsucht, wieder in die Heimat zurückzukehren. Und dass er sich dort jetzt ganz verloren vorkam. Verloren und nutzlos. Er überlege sich, wieder nach Kanada zu ziehen.

Für Loretta war es nach den Jahren von Sturm und Drang selten, dass sie Besuch zu Hause hatte. Auch sie war nicht mehr jung. Früher hatte sie geglaubt, dass Männer nur Zeit mit ihr verbringen wollten, wenn sie ihnen dafür im Austausch Sex gab. Das hatte aber nicht längerfristig funktioniert. Schließlich hatte sie keine Lust mehr an solchen Treffen. Außerdem erinnerte Männerbesuch sie immer an Nigel, denn sie nahm an, dass das der Grund war, warum er von zu Hause weggelaufen war. Das Problem stellte sich aber auch so nicht mehr, denn die Männer kamen ganz von selbst nicht mehr.

Cornel war anders. Sie hörte ihm gerne zu und er hörte ihr gerne zu. Sie lud ihn zum Essen ein für den kommenden Tag. Dann auch für den Tag darauf. Cornel brachte Wein, Brot und Blumen mit. Dann machte er ihr unvermittelt einen Antrag. Sie hatte nicht das Gefühl, dass er es tat, weil er nicht mehr viele Alternativen im Leben sah. Er mochte sie. Er zog bei Loretta ein. Sie fand einen Job für ihn als Lagermeister bei einem Eisenwarenhändler. Cornel füllte ihn gut aus, denn hart arbeiten war er gewohnt und so übertraf er alle Erwartungen, die man in ihn setzte.

Das Zusammenleben von Loretta und Cornel verlief harmonisch. Beide hatten erreicht, was sie sich am meisten gewünscht hatten. Einmal brachte Cornel eine junge Katze mit, aus einem Wurf vom Dachboden eines der Lager, die er betreute. Die Katze, ‚Princess‘ genannt, setzte ihrer Beziehung die Krone auf.

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