Tilt Shift Panoptikum

Fiktion. Eine Vielzahl von Geschichten, die miteinander verknüpft sind. Alain Fux.

Monat: Dezember, 2016

(317) „Was schaut ihr denn?“, fragte die Mutter, als sie aus der Küche kam.

„Was schaut ihr denn?“, fragte die Mutter, als sie aus der Küche kam. „Terry S. Pinter in ‚Der Drache kam und packte aus‘“, antwortete Karlheinz Lorenz, ihr Ehemann. Er saß im Sessel. Ihr Sohn Robbie lag auf der Erde und Svenja, ihre Tochter, saß auf dem Sofa. Monika, die Mutter, setzte sich zu Svenja aufs Sofa.

Auf dem Bildschirm stürmte gerade Terry S. Pinter, gespielt von Melchior Meyer in ein Haus hinein, gefolgt von einer Horde Männer im Trenchcoat. Drei Widersacher, die Pinter aufhalten wollten, wurden von ihm kurzerhand außer Gefecht gesetzt. „Ha, der kann das. Zack, zack und schon ist er durch“, freute sich Robbie. „Ja, die Typen im Trenchcoat hätte er gar nicht gebraucht“, fügte Karlheinz hinzu. „Ist ja etwas öde“, meinte Monika, „was hat er diesmal denn für eine Rolle?“ – „Er ist Staatsanwalt und will einem Gangster das Handwerk legen.“ – „Mal ganz was Neues“, sagte Svenja. „Der macht alle seine Stunts selbst. Hab‘ ich gelesen.“ – „Das glaubst du doch selbst nicht. Der lässt sich doch doubeln. Schon allein wegen der Versicherung.“ – „Aber er sieht wirklich toll aus“, schwärmte Monika. „Als ob das wichtig wäre“, stöhnte Robbie. „Genau, immer nur feste druff und alles andere ist egal, wie?“ Svenja stieß ihren Bruder mit dem Fuß in die Rippen. „Aua.“ – „Sei doch selbst mal hart.“ – „Ruhe jetzt, ich will das sehen.“ – „Er hat so einen netten Dackelblick. Wenn er einfach nur dasteht und in die Gegend schaut.“ – „Ach Mutti! Er sucht nach Feinden, um sie dann zu zerlegen. Das ist sein ultracooler diagnostischer Blick. Hat nichts mit Dackeln zu tun.“ – „Euer Vater hatte auch so einen Blick, als ich ihn kennenlernte.“ Svenja rollte mit den Augen. „Ich hol‘ mir was zu trinken“, sagte sie und ging in die Küche. „Bring mir noch ein Bier mit.“ – „Und mir noch eine Limo.“ – „Hey, bin ich Eure Sklavin, oder was?“

Auf dem Bildschirm kletterte Terry S. Pinter eine Fassade hoch. Es war Nacht und man konnte kaum erkennen, wie er sich am Haus festhielt. Ein oder zweimal rutschte er ab, aber er kam immer höher und schwang sich schließlich durch ein Schlafzimmerfenster. „Vielleicht kommt ja jetzt eine Liebesszene“, meinte Monika hoffnungsvoll. „Nein Monika, er sucht den Ganoven, keine Frau. Der Film heißt nicht umsonst: ‚Der Drache kam und packte aus‘. Da geht es nicht um Liebe.“ – „Ach so, Karlheinz. Dann hatte ich den Titel wohl ganz falsch verstanden…“ Karlheinz sah seine Frau verstört an. „Pass auf“, schrie Robbie. „Der Gangster wartet hinter der Tür.“ Aber Pinter war auf der Hut und erledigte den Angreifer mit einem Fausthieb, dass er über das Bett flog.

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(316) Zuerst wusste Meyer nicht, wo er war.

Zuerst wusste Meyer nicht, wo er war. Er war im Hotel. Warum war er aufgewacht? Der Feueralarm war losgegangen. Die Sirene kreischte immer noch laut im Flur draußen. Es war nicht das erste Mal, dass ihm das passierte. Bisher war es immer irgendeine Art von Falschalarm gewesen. Wenigstens war er nicht zu lange beim Bergfest geblieben. Einige hatten bestimmt mehr Schwierigkeiten aufzustehen. Wenn sie überhaupt schon zurück waren.

Mechanisch zog er sich an, nahm seine Brieftasche und sein Telefon. Er öffnete vorsichtig die Hoteltür. Der Flur war voller Rauch. Er klappte schnell die Tür wieder zu. Es war kein falscher Alarm. Kein Rauch ohne Feuer, sagte er sich. Er ging ins Badezimmer, legte das Badetuch in das Waschbecken und ließ Wasser darüber fließen. Als das Tuch richtig vollgesogen war, nahm er es, wrang es leicht aus und platzierte es unten an der Hoteltür, um den Rauch draußen zu halten. Er überlegte, ob das Bad sicherer sein würde, für den Fall, dass das Feuer in sein Zimmer käme. Leider gab es nur eine Dusche, keine Badewanne, in die er sich legen könnte. Das hatte Terry S. Pinter in einem Film gemacht. Er ging zum Balkon, öffnete die Tür und trat hinaus. Es war natürlich zu hoch, fünfter Stock. Auch mit zusammengebundenen Laken (auch ein Trick von Terry S. Pinter), würde er es nicht schaffen, sich abzuseilen. Er rief die Rezeption an – die Leitung war tot. Er rief den Notruf über sein Handy an. Das Feuer war bereits bekannt. Er sagte seinen Namen, glaubte ein Erkennen bei der Telefonistin herauszuhören, und sagte, dass er in Zimmer [139] war und nicht herauskommen konnte. Er musste der Telefonistin beschreiben, was er vom Balkon aus sah. „Den Fluss“, sagte er, „ich bin im hinteren Teil des Hauses.“ Fünf Minuten später kam ein Feuerwehrauto um das Haus gefahren. Meyer ging auf den Balkon und winkte. Der Leiterwagen brachte sich in Position. Zwei Männer sprangen aus der Fahrerkabine und fuhren die Leiter hoch. Sie legte an die Balkonbrüstung an. Die beiden Feuerwehrleute bedeuteten ihm, abzusteigen. Er schaute an der Leiter hinunter. Durch das Blaulicht sah die Tiefe gespenstisch für ihn aus.

Als er nicht kam, stieg ein Feuerwehrmann hoch. „Nico Hoffmann“, stellte er sich vor. Er redete Meyer gut zu. Dann brach die Zimmertür in Meyers Zimmer auf und Flammen loderten herein. Schließlich hatte Meyer genügend Mut gesammelt. Er klammerte sich an den Feuerwehrmann und gemeinsam stiegen sie die Drehleiter hinunter. Meyer hoffte, dass niemand von der Presse unten war und keiner Fotos von ihm machte, wie er in dieser hilflosen Situation von dem Feuerwehrmann gerettet wurde. Es wurde auch nicht besser, als er merkte, dass er vergessen hatte, eine Hose anzuziehen. In der Aufregung fiel es ihm jetzt erst auf.

(315) Nach dem harten Drehtag musste Meyer erst einmal wieder runterkommen.

Nach dem harten Drehtag musste Meyer erst einmal wieder runterkommen. Er legte sich in seinem Hotelzimmer aufs Bett. Er konnte aber nicht einschlafen. ‚Solche Tage gibt es‘, sagte er sich. Er duschte warm, kalt und nochmals warm. Dann zog er sich wieder an, denn heute war Bergfest: Die Hälfte der Dreharbeiten war um und das wurde gefeiert.

Das Filmcatering hatte in einer alten Fabrik etwas organisiert. Meyer war schon etwas spät dran und hatte keine Lust, im Shuttle mit dem Rest der Crew zu fahren. Er nahm ein Taxi. Unterwegs fiel ihm ein, dass er seine Crewkarte vergessen hatte. Aber den Hauptdarsteller würde man ja wohl noch reinlassen.

Das sah Mirko Pesel anders. Sein Job war es, den Eingang der Fabrik zur Straße hin zu sichern. Die Shuttles fuhren hinten rum in den Hof und luden die Gäste ab. Mirkos Job war es die ungeladenen Gäste in Schach zu halten. Das Taxi fuhr weg und Meyer stand, nachdem er sich orientiert hatte, Mirko gegenüber. „Ich gehöre dazu“, sagte er. Mirko fragte nach der ID. „Habe ich im Hotel vergessen.“ Mirko nickte und meinte, er solle sich doch eine andere Party suchen. „Aber ich bin der Hauptdarsteller, Melchior Meyer? Terry S. Pinter?“

Jetzt fand Mirko, dass der Partycrasher es zu weit trieb. Er griff Meyer am Mantelkragen und zog ihn näher an sich ran. Mirko sprach Meyer mit Freundchen an und fragte, ob er ihn für dumm verkaufen wollte. Meyer kam sich hilflos vor. Eigentlich wollte er eh‘ nicht zu der Party. Als Mirko ihn losließ, fragte er, wo er ein Taxi finden könne. „Die Straße runter“, knurrte Mirko.

Dann kam eine Frau vom Catering, um Mirko einen Kaffee zu bringen. Sie erkannte Meyer, der gerade gehen wollte. Das Missverständnis klärte sich auf. „Herr Meyer, es tut mir wirklich sehr leid. Ich habe Sie nicht erkannt. Es ist ja so dunkel hier. Ich hätte ja nie gedacht, dass Sie hier durchkommen. Ich habe alle Ihre Filme gesehen. Sie sind ein fantastischer Schauspieler. Deshalb habe ich Sie wahrscheinlich auch nicht erkannt. Sie haben wahrscheinlich einen Partycrasher gemimt. Das war wirklich toll. Ich hoffe, Sie verzeihen mir. Ich wünsche Ihnen einen tollen Abend.“

Meyer blieb stehen und schüttelte den Kopf. „Wie heißen Sie?“, fragte er. „Mirko Pesel.“ „Wissen Sie, Mirko, Sie waren vorhin wirklich gut. Sie waren ein sehr überzeugender Türsteher. Ein Aschloch, aber das gehört zum Beruf. Nur so kann man überzeugend einen Türsteher spielen.“ Mirko wusste nicht, ob er geschmeichelt sein sollte oder nicht. „Aber jetzt sind Sie einfach nur peinlich. Das hat überhaupt nichts. Diese Schmeichelei klingt einfach nur hohl. Seien Sie doch Sie selbst.“ Meyer folgte der Cateringfrau. Fast hätte er es geschafft gehabt.

(314) Melchior Meyer wartete in der Vorhalle des Clubs auf die Klappe…

Melchior Meyer wartete in der Vorhalle des Clubs auf die Klappe und dann den Einsatz des Regisseurs. Dann stürmte er als Terry S. Pinter los, als ob er gerade von draußen käme. Hinter ihm seine Leute, sieben harte Kerle, die er als Staatsanwalt mitgebracht hatte, um in der Stadt aufzuräumen. Persönlich fand Meyer die Trenchcoats zu heftig, aber darüber wollte er nicht mit dem Regisseur streiten. In dieser Situation würde sich jeder Staatsanwalt mit verlässlichen Leuten umgeben. Die Trenchcoats machten es wenigstens deutlich, auf wessen Seite sie arbeiteten.

Von rechts sprang ein Stuntman hinter einer Säule hervor. Meyer mimte einen Faustschlag und sandte seinen Gegenspieler quer durch den Raum, wo er sich an einer Marmorsäule selbst ausknockte. Es sah sehr echt aus. Meyer war es unklar, ob das geplant gewesen war. Egal, solange die Klappe nicht fiel, spielte er weiter.

Der zweite Angreifer kam mit einem Messer in der Hand hinter dem Garderobenvorhang hervor. Meyer fand, dass der Stuntman seine Mordlust sehr gut spielte. Bevor er ihm das Messer aus der Hand schlagen konnte, wie es vorgesehen war, verhaspelte sich der Stuntman jedoch an der Thekenplatte der Garderobe und stürzte von oben auf den Marmorboden herab.

Der Regisseur stoppte die Aufnahme. Ein Arzt kam auf das Set und verödete dem Gestürzten die Nase, so sehr blutete sie. Der Stuntman musste das Hemd wechseln und versteckte sich wieder an der gleichen Stelle. Auch Meyer, seine sieben Bodyguards und der erste Angreifer gingen wieder auf Position. Sie mussten etwas warten, weil die Beleuchtung der Szene nachjustiert werden musste.

Dann Klappe. Meyer stürzte wieder voran, als ob er gerade von draußen gekommen wäre. Diesmal stand einer der Trenchcoats im Wege und der erste Angreifer rempelte ihn an, bevor Meyer ihn mit einem Faustschlag durch den Raum befördern konnte. „Alles auf Ausgang“, hieß es. Die Maskenbildnerin kam und frischte Meyers Make-up auf.

In der Zwischenzeit, bis der Beleuchter fertig war, übte Meyer mit den Trenchcoats noch einmal den Auftritt und welche Positionen jeder von ihnen einnehmen sollte.

Bei der nächsten Aufnahme gelang Meyer ein meisterlicher Faustschlag und der Stuntman schlitterte perfekt über den glatten Marmorboden. Bei dem zweiten Angreifer funktionierte der einstudierte Messerkampf ebenfalls einwandfrei. Bei einem Schlag von Meyer ließ der Angreifer das Messer fallen und Meyer setzte ihn außer Gefecht, indem er ihm einen Leberhaken verpasste und dann mit beiden Fäusten auf den Hinterkopf schlug. Meyer war so sehr von seinem Einsatz begeistert, dass er plötzlich vergessen hatte, was er als Nächstes tun sollte. Als es ihm wieder einfiel, hatte der Regisseur die Aufnahme bereits beendet. Alle mussten noch einmal auf Ausgang zurück.

Die Dreharbeiten zu „Der Drache packt aus und muss gehen – Die neuesten Abenteuer von Terry S. Pinter, dem letzten aufrechten Staatsanwalt“ würden sich an dem Tage noch etwas in die Länge ziehen.

(313) „Lutz! Meinulf!“ Jazmin Guttchen trat den beiden Männern…

„Lutz! Meinulf!“ Jazmin Guttchen trat den beiden Männern mit ihrer rechten Sandale gegen die Fußsohlen. Beide Männer richteten sich in ihren Liegestühlen auf und schauten sie belämmert an. „Ihr glaubt es nicht. Ich wurde gerade von einem Mann niedergerannt! Er hat mich ins Wasser gestoßen!“ Lutz suchte seine Flasche Bier, die im Sand stand und fand, dass sie leer war. Dann zog er die Kühltasche, auf der eine Donald-Duck-Figur abgebildet war, unter dem Stuhl hervor, öffnete sie und nahm das letzte Bier heraus. Meinulf sah ihn bittend an. Ihre Blicke trafen sich. Lutz hielt Meinulf die Bierflasche hin. Meinulf entgegnete: „Wir teilen.“

Jazmins nackter Busen bebte auf und nieder. „Ja wollt ihr etwas unternehmen, Ihr Sackgesichter? Man hat mich brutal umgeworfen! Und Ihr macht nur das nächste Bierchen auf?“ Meinulf nahm seinen Tabakbeutel mit dem Papier und begann, eine Zigarette zu drehen. Jazmin nahm Schwung mit ihrem rechten Fuß und schaufelte den beiden Männern Sand entgegen. „He!“, regte Lutz sich auf, „das wär ja fast ins Bier gegangen.“

Jazmin stand vor ihnen da und hatte die Arme in ihre wabbeligen Hüften gestemmt. „So“, schrie sie, „jetzt reicht es. “Lutz hatte die Bierflasche angesetzt und schaute über die Flasche hinweg zu ihr. Meinulf hatte die Zunge gezückt, um den Klebestreifen auf dem Papier zu benetzen. „Ich gehe jetzt nach Hause und Ihr könnt sehen, wo ihr bleibt! Wer mich nicht verteidigt, braucht auch nicht bei mir zu wohnen. Ich bin eine Dame.“

Jazmin zerrte ihren Kaftan über den Kopf und griff nach ihrer Strandtasche. Als sie sich tatsächlich umwandte und wegging, sprangen Lutz und Meinulf auf. „Jazmin… Das war doch nicht so gemeint… Natürlich verprügeln wir den Kerl… Wo ist er denn… Das wäre ja noch schöner… Du musst ihn uns zeigen… Wie sah er aus…. Den machen wir alle… Jazmin… Bitte….“

Aber Jazmin ging immer nur weiter über den Strand. Als sie ihren Fuß auf den Bürgersteig setzte, der den Strand an einem Ende umfasste, war das wie ein Aufbruchssignal für Lutz und Meinulf. Sie warfen die Flasche und die Kippe in den Sand, sprangen in ihre niedergetretenen Sportschuhe und liefen ihr hinterher, so gut sie laufen konnten. Das war aber nicht besonders schnell und Jazmin gewann zuerst an Vorsprung. Als sie hörte, dass die Männer ihr folgten und ihr zuriefen, sie möge doch auf sie warten, beschleunigte Jazmin ihren Schritt. Sie nahm die Hauptstraße, die von der Strandpromenade abzweigend den Hügel hoch führte. Dabei kam sie am Harvard Club vorbei. Hier musste sie erst einmal stehen bleiben, weil das schnelle Gehen ihr den Atem geraubt hatte.

Vor dem Club standen sieben Männer, gekleidet in identischen Trenchcoats mit Borsalinos, roten Krawatten und weißen Hemden. Jeder trug eine Zeitung unter dem Arm. Als sie keuchend vor ihnen stand, blickten die Männer sie an. „Welcher von Euch Pfeifen ist jetzt gleich noch mal Humphrey Bogart?“, fragte Jazmin giftig.

(312) Gestern heiratete der international bekannte Motivationstrainer…

„Gestern heiratete der international bekannte Motivationstrainer und Bestseller-Autor Jay Malek die PR-Managerin Jennifer Garden. Für die Zeremonie hatte sich das Paar einen romantischen Ort ausgesucht. Die Trauung wurde zum Sonnenuntergang von Reverend Kyle Danner am Tribal Sundown Peak unter freiem Himmel vollzogen.

Das Paar gab sich das Ja-Wort in einem mit Blumen und rosafarbenem Tüll geschmückten Pavillon, der auf einer Düne oberhalb des Strandes errichtet war. Daneben standen Stühle für die fast zweihundert Gäste, die der Einladung des sympathischen Paares gefolgt waren.

Jay Malek ist bereits seit Jahren international erfolgreich als Motivationstrainer mit eigener Fernsehshow. Viele seiner Bücher haben es in die Bestsellerlisten geschafft. Er wird ebenfalls oft von Großkonzernen, Banken und Kanzleien für Seminare und Vorträge gebucht. Jennifer Garden hatte er bei einer Lesetour kennengelernt, als sie bei seinem Verlag arbeitete. Jay Maleks Leitspruch lautet, dass jeder Mensch sein Glück selbst in der Hand hat und jeder Mensch sein Glücksbedürfnis dadurch erfüllen kann, dass er seine Ansprüche den Gegebenheiten anpasst.

Wir wünschen dem frisch gebackenen Paar viel Glück, Liebe und andauernden Erfolg.“

Der Presseartikel, der von Jennifer Garden selbst verfasst worden war, enthielt keinen Hinweis auf den Eklat, den es während der Zeremonie gegeben hatte. Der Hochzeitsplaner hatte es versäumt, den Strand unterhalb des Pavillons sperren zu lassen. Dadurch liefen immer wieder Strandurlauber zwischen dem Meer und dem Pavillon auf der Düne vorbei. Peinlich wurde der Umstand vor allem, als eine dicke Frau ohne Bikini-Oberteil stehenblieb und dem Paar während der Zeremonie Schmähungen zurief. Sie schien die demonstrative Zurschaustellung von Erfolg, Reichtum und romantischer Liebe nicht zu schätzen.

Nachdem Reverend Danner seine Ansprache dreimal wegen der Frau unterbrechen musste, riss bei dem Bräutigam der Geduldsfaden. Bevor er von seinem Trauzeugen, der Braut oder von dem Reverend zurückgehalten werden konnte, lief er die Düne hinunter auf die Frau mit ihrem riesigen Hängebusen zu. Er hatte wohl erwartet, dass sie weglaufen würde. Sie blieb allerdings mit unter ihrem Busen verschränkten Armen stehen und lachte ihn aus, als er Sand vor sich her stiebend unten ankam. Malek konnte seinen Schwung nicht mehr stoppen und so stieß er gegen die Frau. Beide verloren das Gleichgewicht und fielen auf den Sand, wo eine Welle gegen sie brach.

Die Zeremonie wurde trotzdem fortgesetzt mit einem nassen Bräutigam, der sein Ehegelübde vergessen hatte und von Reverend Danners Kopie ablesen musste.

(311) Jay Malek goss sich einen Whisky ins Glas.

Jay Malek goss sich einen Whisky ins Glas. Es war fast Mitternacht, ein Zeitpunkt, an dem er am besten schreiben konnte. Es waren noch ein paar Tage bis zu seiner Hochzeit mit Jennifer. Er war sich immer noch nicht sicher, ob es richtig war, sie bei ihm einziehen zu lassen. Er wusste nicht, wie es sein würde, ständig einen anderen Menschen im Haus zu haben. Seine erste Ehe war nach kurzer Zeit gescheitert und das war schon sehr lange her. Seitdem hatte er immer alleine gewohnt. Man würde sehen.

Aus seinem Aktenkoffer nahm er einen großen Umschlag mit kleinen Zetteln. Auf diesen Zetteln notierte er seine Einfälle, die ihm bei Reisen kamen. Es war mal wieder an der Zeit, ein neues Buch zu schreiben. Die Ideen auf den Zetteln waren die ersten Samenkörner dafür. Er schüttete den Umschlag aus und häufte die Zettel an. Dann trank er einen Schluck und las den ersten Zettel.

‚Du wächst mit den Herausforderungen‘ Das hatte er schon mehrfach gehabt. Er legte den Zettel weg.

‚Die Welt ist so, wie du willst, dass sie sein soll.‘ Auch das kam ihm bekannt vor, es könnte aber auch von einem Kollegen gewesen sein. Er legte es auf einen zweiten Haufen.

‚Du bist ein Gewinner, denn du warst das schnellste Spermium.‘ Jay musste lachen. Das war gut. Er legte es auf einen dritten Haufen.

‚Ein Hindernis ist etwas, mit dem du dich noch nicht beschäftigt hast‘ Auch dritter Haufen.

‚Wer nicht aufgibt, kann nicht verlieren.‘ Das klang so wie ‚Wer nicht spielt, kann nicht gewinnen‘. Haufen zwei.

‚Sogar wenn du aufs Gesicht fällst, bewegst du dich vorwärts.‘ Er musste betrunken gewesen sein, als er das notierte. Haufen eins.

‚Wenn das Leben alles von dir verlangt, leg noch was drauf‘. Jay zögerte. Er trank noch einen Schluck. Was bedeutete der Spruch? Trotz? Absoluter Leistungswille, egal was dabei herauskommt?

Er schaute aus dem Fenster hinaus auf den dunklen See, an dem sein Haus gebaut war. Der See kam ihm vor wie ein schwarzes Loch. Er wusste, dass er da war, aber er konnte ihn nicht sehen. Je mehr er hinstarrte, desto mehr schien es ihm, dass sich der See vergrößerte und alles andere verschlang.

Er warf den Zettel auf den Haufen zurück, trank das Glas in einem Zug leer und löschte das Licht. Im Dunkeln konnte er besser sehen. Der See war immer noch am gleichen Ort, hatte sich nicht vergrößert. Es war still. Er würde seine Zettel ein andermal sortieren. Wahrscheinlich nach der Hochzeit, vorher war keine Zeit. Er wollte ins Bett gehen und die Decke über den Kopf ziehen. Er wollte nicht noch etwas drauflegen.

(310) Die Beerdigung hatte Elvira Franke sehr mitgenommen.

Die Beerdigung hatte Elvira Franke sehr mitgenommen. Zusammen mit den Studenten, „ihren Jungs“, wie sie sagte, war sie danach in eine Gaststätte gegangen. Dort musste sie sich erst einmal frisch machen auf der Toilette. Sie hatte weinen müssen und das sah man ihren Augen an.

„Domeniks Vater fand ich sehr seltsam“, sagte sie, als sie wieder bei den Jungs am Tisch saß. Alle murmelten zustimmend.

Elvira war über zehn Jahre älter als sie und die Sekretärin der Chemiefakultät. In diesem Job hatte sie ihre Berufung gefunden. Sie kümmerte sich um die Jungs (Mädchen hatte es bisher noch nie an der Fakultät gegeben) und manchmal ergab sich eine kurze Affäre mit den Studenten, die aber für beide Seiten in stiller Übereinkunft nur befristet war. Es hatte wohl keiner in den letzten Jahren an der Universität in Chemie promoviert, der nicht ein paar Nächte in Elviras Bett verbracht hatte und den sie am nächsten Morgen nicht mit einem richtigen Frühstück verwöhnt hatte. Ihr Ziel war es, dass einer ihrer Jungs es später bis zum Nobelpreis brachte.

Ihre Affären waren ein offenes Geheimnis und da keiner groß Aufhebens darum machte, war es ein Arrangement, das von allen toleriert wurde. Auch mit Domenik hatte Elvira ein paar Wochen die Intimität geteilt. Der Unfall, bei dem er starb, war ihr sehr nahe gegangen. So wie allen anderen Studenten, denn er war immer freundlich, ehrgeizig, aber auch etwas zerstreut. Das hatte ihm wohl das Leben gekostet. Er hätte wissen müssen, wie gefährlich altes Kalium war.

„Sein Vater war irgendwie abwesend bei der Zeremonie“, wiederholte Elvira. „So, als ob es ihn nichts anginge.“ – „Vielleicht war er noch immer geschockt.“ – „Wie wir alle.“ Jetzt war es an Elvira zu nicken.

Als Folge des Unfalls durften Studenten die Labore jetzt nicht mehr alleine benutzen. „Zu spät“, hatte Elvira gedacht, als sie den Aushang dafür ausdruckte.

Die Trauernden aßen etwas in der Gaststätte und tranken einiges. Die Stimmung hob sich langsam. Es wurden einige Toasts auf Domenik ausgesprochen und nach und nach bewegten sich die Gesprächsthemen in andere Richtungen.

Kurz bevor sie zum Bahnhof aufbrachen, meinte einer in die Runde: „Wie Elvira zu sagen pflegt: ‚Weiter. Es geht immer weiter.‘“ Elvira war sehr beflissen, ihre Jungs zu motivieren, wenn es im Studium mal schwieriger wurde. Dazu las sie immer die neuesten Werke von anerkannten Motivationstrainern. Gerade hatte sie mit „Du bist, wer du sein möchtest“, von Jay Malek angefangen. Auch Chemiker hatten Gefühle und einiges davon würde sie anwenden können.

(309) Domenik Daub arbeitete gerne am Sonntag im Labor der Chemiefakultät.

Domenik Daub arbeitete gerne am Sonntag im Labor der Chemiefakultät. Er konnte sich dann ganz auf seine Experimente konzentrieren und wurde nicht ständig von Kommilitonen nach seiner Meinung befragt, wie es unter der Woche ständig der Fall war.

An diesem Sonntag war er ganz alleine. Er wollte mit Kalium experimentieren. Kalium war ein Metall, das explosionsartig mit Wasserstoff reagierte und daher immer in Flüssigkeiten wie Paraffinöl verwahrt wurde. Eine Entsorgungsmethode bestand darin, das Kalium in kleinen Bröckchen in tertiärem Alkohol aufzulösen. Allerdings ging die Reaktion nur langsam voran und hinterließ oft Kaliumreste, die immer sehr gefährlich waren.

Vor drei Tagen hatte Domenik diese Reaktion im Hörsaal gesehen und wollte sie nachvollziehen. Natürlich war das ein Experiment, das eigentlich für ihn nicht erlaubt war. Auch dies war einer der Gründe, warum er am Wochenende ins Labor kam.

Er suchte nach dem großen Gefäß, in dem unter Paraffinöl Kalium aufbewahrt wurde und das der Professor benutzt hatte. Erst nach langem Suchen fand er in einem Aufbewahrungsschrank, ganz unten und hinten ein braunes Glasgefäß, in dem ein großer Klumpen Kalium schwamm. Domenik übersah in seinem Eifer aber, dass es nicht das gleiche Gefäß war, das der Professor benutzt hatte. Er hielt ein Gebinde in Händen, das bereits seit über zehn Jahren vergessen in dem Aufbewahrungsschrank stand. Das Paraffinöl hatte zwar bereits abgenommen, stand aber immer noch hoch über dem Kaliumbrocken. Allerdings war das explosive Metall durch die lange Zeit mit einer orangefarbenen Kruste von Kaliumperoxid überzogen. In diesem Zustand konnte das Kalium bereits durch Berührung mit einer Zange oder einem Messer explodieren.

Domenik fiel die Verfärbung nicht auf. Er stellte das große Gefäß auf den Experimentiertisch und schraubte mit Mühe den Deckel auf. Dann nahm er eine lange Zange und fuhr damit hinein an den Kaliumbrocken.

Die Explosion passierte im gleichen Moment. Das Glasgefäß zerbrach und Scherben drangen in Domeniks Körper ein. Teile des Kaliums verbrannten mit lautem Geräusch überall im Raum, wo sie hingeflogen waren. Auch an manchen Stellen auf Domeniks Körper brannten sie Löcher in seine Haut. Auch wenn er nicht alleine im Labor gewesen wäre, man hätte ihn kaum retten können. So aber starb er an seinen Blutungen. Bereits Minuten später, als der Pförtner kam, war Domenik Daub bereits tot.

Als man ihn telefonisch informierte, brach Dittmar Daub zusammen. Das Wissenschaftsstudium seines einzigen Sohnes hatte er unterstützt und gehofft, Domenik würde danach in die Firma eintreten.

(308) Prof. Edwin Hirsch hatte nicht den Eindruck, dass sein Vortrag den gewünschten Erfolg bei seinem Gegenüber hatte.

Prof. Edwin Hirsch hatte nicht den Eindruck, dass sein Vortrag den gewünschten Erfolg bei seinem Gegenüber hatte. In der Regel hielt er seine Vorträge für Studenten oder andere Wissenschaftler. Bei einem Multimillionär um Forschungsgelder zu buhlen, war neu für ihn.

Dittmar Daub lag in seinem Stuhl und schaute gelangweilt auf sein Telefon. Hirsch fasste noch einmal sein Projekt zusammen: „Die Menschen werden immer älter. Durch bessere Vorbeugung in der Jugend und im Erwachsenenalter behalten immer mehr Alte ihre Zähne. Allerdings nimmt die Zahnhygiene im Alter ab. Die Betreuung durch Zahnärzte ist mangelhaft. Die Zähne selbst sind meistens noch in Ordnung, aber das Zahnfleisch ist entzündet. Parodontitis ist ein großes Problem. Über diese entzündeten Wundflächen bestehen große Infektionsrisiken, besonders für Lungenentzündungen, an denen viele alte Menschen sterben. Mein Projekt besteht darin, die Ursachen von Parodontitis im Alter besser zu erforschen und Strategien zu entwickeln, um mit einem machbaren Vorbeugungsaufwand, die Krankheit in Schach zu halten. Deshalb wäre ich Ihnen äußerst verbunden, wenn ich ein Stipendium der Domenik-Daub-Stiftung erhalten würde.“

Er schaute Daub erwartungsvoll an. „Hätten Sie noch Fragen?“

Daub räusperte sich und setzte sich aufrecht. „Wo liegt Ihre Motivation? Ich meine, warum ist dieses Thema für Sie wichtig?“ – „Nun“, antwortete Hirsch, „ich bin Zahnmediziner und –forscher. Und Parodontitis ist ein großes Problem. Ich möchte helfen, es zu lösen.“ – „Vielen Dank, Professor Hirsch. Wenn Sie mir eine Papierkopie Ihres Vortrags schicken könnten. Es gibt noch eine Reihe weiterer Termine, die ich habe. Ich werde mich bei Ihnen melden, wenn ich einen Entschluss getroffen habe.“ Daub stand auf und verabschiedete sich von Hirsch.

Als der Professor weg war, kam Daubs Sekretärin herein und brachte ihm die Liste mit Anrufern, die er in der Zwischenzeit verpasst hatte. „Wie war’s?“, fragte sie. Daub winkte ab. „Es war… unappetitlich. Ich will etwas für die Wissenschaft tun. Aber das entzündete Zahnfleisch von alten Leuten? Das wäre nicht die richtige Art an meinen Sohn zu erinnern. Es sollte doch etwas Größeres, Bedeutenderes sein. Alle diese Projekte sind, wenn man sie richtig bedenkt, einfach beschränkt. Ich suche etwas, wo man später sagen kann, dass die Lösung mit meinem Sohn zusammen hängt. Aber dieses Projekt mit dem Zahnstein und den Bakterien… Es hat mich sehr viel an Überwindung gekostet, mir das alles anzuhören.“