(286) Faust presste den Hörer ans Ohr.

von Alain Fux

Faust presste den Hörer ans Ohr. „Dr. Edgar Danz?“, fragte er. „Am Apparat. Sie rufen aus Kanada an, Herr Faust?“ – „Ja.“ – „Nun, danke für alle Unterlagen und die detaillierte Beschreibung. Sie hatten ein sehr bewegtes Leben, Herr Faust, wenn ich das so sagen darf. Erlauben Sie mir, dass ich die wichtigsten Etappen noch einmal zusammenfasse, damit ich sicher bin, dass ich alles richtig verstanden habe.

Mit 17 Jahren lebten Sie hier am Ort, wo Sie auch geboren wurden. Sie waren Sie mit einem Mädchen aus Ihrer Schule befreundet. Eines Tages waren Sie beide in einem Café und ein anderer Gast belästigte Ihre Freundin. Sie wollten ihn davon abhalten und es kam zu einem Streit. Ihr Gegner reizte Sie und irgendwann verloren Sie die Beherrschung, zogen ein Messer aus ihrer Tasche und stachen damit auf Ihren Gegner ein. Im Gerangel trafen Sie sein Herz und er starb. Sie flüchteten und hielten sich zuerst versteckt.

Um der Strafverfolgung zu entgehen, beschlossen Sie, auszuwandern. Sie ließen sich als unbezahlte Hilfskraft auf einem Frachtschiff anheuern und reisten nach Kanada. Dort gelangten sie illegal an Land und schlugen sich durch bis an den Sankt-Lorenz-Strom, wo Sie auch jetzt noch sind. Sie arbeiten dort als Holzfäller. Sie überlegen sich jetzt, zurückzukommen, und möchten von mir eine Auskunft, was Sie hier erwartet. Ist das soweit richtig, Herr Faust?“

„Ja, das ist richtig. Können Sie mir helfen?“ – „Ja, Herr Faust. Das kann ich. Ich habe Nachforschungen angestellt. Der Mann, mit dem Sie einen Streit wegen Ihrer damaligen Freundin hatten, hieß Benno Fassbender. Sie hatten Herrn Fassbender nicht ins Herz gestochen. Es war nur eine Fleischwunde und er konnte nach ambulanter Behandlung das Krankenhaus wieder verlassen. Er hat übrigens kurz darauf ihre damalige Freundin geheiratet. Die beiden sind aber im vergangenen Jahr bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Was heißt das für Sie? Nun, ich denke, es war maximal ein Fall von gefährlicher Körperverletzung, drei bis fünf Jahre, in Ihrem Fall hätten Sie eine Strafe auf Bewährung gekommen. Also kein Gefängnis. Sind Sie noch dran?“ – „Ja. Das ist alles nur schwer fassbar für mich…“ – „Das kann ich verstehen, Herr Faust. Auf jeden Fall ist die Sache verjährt. Sie können also getrost jederzeit zurückkommen.“ Cornel Faust kam zurück, weil er Sehnsucht nach seinem Heimatland hatte. Sein Heimatland hatte aber keine Verwendung für ihn. Er konnte nur Holzfällen, aber das wurde gerade nicht gesucht. Seine Ersparnisse schrumpften immer mehr und er bereitete sich schon darauf vor, wieder nach Kanada zurückzureisen, wahrscheinlich wieder als unbezahlter Arbeiter auf einem Frachter, denn einen Flug konnte er sich nicht leisten.

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