(285) Drei Tage nachdem Rita ihn verlassen hatte…

von Alain Fux

Drei Tage nachdem Rita ihn verlassen hatte, beauftragte Nigel Baines einen Privatdetektiv, um seine Mutter zu finden. Bereits kurze Zeit später bekam er die Auskunft, dass sie schon vor fünf Jahren gestorben war. Er hatte es erwartet und doch konnte er die Tränen nicht unterdrücken. Sie hatte wieder geheiratet, es gab aber sonst keine Kinder. Alles was sie besaß, hatte sie ihrem Mann vererbt.

Nigel beschloss, an den Ort zu reisen, an dem sie die letzten Jahre verbracht hatte. Da alle seine Projekte still standen, konnte er sofort aufbrechen.

Seine Mutter hatte in einer Mietwohnung in einem Vorort gelebt, der schon bessere Zeiten gesehen hatte. „Faust“ stand an der Klingel, wie der Detektiv ihm gesagt hatte. Er drückte den Knopf, die Tür ging auf. Er stieg in den dritten Stock und auch die Wohnungstür stand offen. Er klopfte und ging hinein.

Alles an der Wohnung war ihm fremd. Ein älterer drahtiger Mann mit Bürstenhaarschnitt kam aus der Küche. Erst sah er Baines skeptisch an, dann erkannte er ihn. Er lächelte und kam mit ausgestreckter Hand auf ihn zu. Sie setzten sich ins Wohnzimmer. Cornel Faust, der Mann seiner Mutter, erzählte ihm von ihren letzten Jahren. Sie hatte immer wieder von Nigel geredet und sich dafür interessiert, was er gerade machte, welche Filme er drehte. Faust brachte ein Album mit den Zeitungsausschnitten, die sie gesammelt hatte. Etwas verlegen gab er zu, auch nach dem Tod von Loretta die Sammlung fortgesetzt zu haben. „Für Loretta“, sagte er.

„Sie hat nie versucht, mit mir in Kontakt zu treten“, sagte Baines. „Sie waren weggegangen. Sie wären jederzeit willkommen gewesen. Sie war Ihnen nicht böse. Aber sie brachte es nicht übers Herz, Sie anzusprechen.“ Baines fühlte sich beschämt. „Ihre Mutter war sehr einsam, als sie mich bei sich aufgenommen hatte. Auch vorher war sie lange einsam gewesen. Wahrscheinlich war sie es ihr ganzes Leben lang.“

Baines‘ Hals war zuerst wie zugeschnürt. Dann ließ er seinen Tränen freien Lauf. Phasen des Weinens wechselten mit kleinen Schreien und Seufzern, die er hervorstieß. Mit seinen Händen rieb er sich die Augen und verteilte die Tränenflüssigkeit im Gesicht. Faust sah ihm zu.

„Wie ist sie gestorben?“, fragte Baines, als er sich wieder gefasst hatte. „Sie stand auf dem Balkon, mit einer Zigarette im Mund. Sie schimpfte gerade darüber, dass das Viertel von den Spekulanten zu Schande geritten wurde und dass sie diese Wohnung nur als Leiche verlassen würde. Mitten im Satz wurde es zuerst still, dann hörte ich sie zusammensacken. Der Notarzt war schnell da, aber es war schon zu spät. Und Sie kommen auch zu spät.“ Baines fing wieder an zu heulen und nickte dabei.

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