(284) Es war Weihnachten gewesen.

von Alain Fux

Es war Weihnachten gewesen. Normalerweise erhielt Nigel seine Geschenke am Abend, nach dem Abendessen. Er konnte sich nicht an jede der vorherigen elf Weihnachtsfeiern erinnern, die es in seinem Leben bisher gegeben hatte, aber die Regel war klar.

Beim zwölften Mal eröffnete ihm seine Mutter am Weihnachtstag selbst, dass die Bescherung bereits am frühen Nachmittag sein würde. Er protestierte, aber sie ließ nicht mit sich reden.

Später am Tag rief sie ihn ins Wohnzimmer. Sie trug ihren türkisfarbenen Morgenmantel, hatte Lockenwickler im Haar und, wie fast immer, eine Zigarette zwischen den Lippen. Sie nahm einen Zug und legte zwei Pakete in Geschenkpapier vor ihn. Bevor er etwas sagen konnte, meinte sie: „Mach sie auf.“

Er riss das Papier herunter. Sie saß ihm gegenüber und rauchte. Ein Geschenk war ein Pullover und das andere eine Lokomotive für seine Modelleisenbahn. Sie schien nicht mit seiner Dankbarkeit zu rechnen, aber er bedankte sich trotzdem. Sie stieß die Zigarette im Aschenbecher aus und antwortete: „Klar, ist ja Weihnachten.“ Dann fügte sie hinzu: „Ich denke, Du kommst klar heute Abend. Ich treffe einen Freund.“ Das hatte er sich gedacht. Einer der vielen Freunde, die er manchmal sah, manchmal nicht. Sie hatte ihm erklärt, dass es wichtig sei, viele Freunde zu haben, wenn man erwachsen wird. Warum, hatte er sie gefragt. „Weil man mit den Freunden immer sehr viel Spaß hat.“ Bei Nigels Schulfreunden zuhause war es anders. „Bei denen ist immer die Familie wichtiger“, sagte er ihr. Sie lachte heiser auf und hustete den Raucherschleim ab.

Dann zündete sie sich eine neue Zigarette an. „Warum haben wir keine Familie?“, fragte Nigel. „Familie? Klar, die Familie.“ Nigel wartete. „Die Familie ist immer noch da“, erklärte sie. „Auch wenn alle sich von dir abwenden, kannst du es immer noch bei der Familie versuchen. Die verfluchte Familie verfolgt dich dein ganzes verdammtes Leben lang. Sie hängt an dir wie eine Stahlkugel am Fuß. Und wenn du Glück hast, dann helfen sie dir. Und wenn nicht, dann bist du am Ende.“

Nigel erinnerte sich noch immer sehr gut an das Gespräch. Mit 19 Jahren war er zu Hause weggelaufen. Er hatte nie versucht, noch einmal Kontakt mit seiner Mutter aufzunehmen. Wo sie jetzt wohl war? Würde man ihn finden, wenn sie sterben würde? Er hatte seinen Namen geändert. Loretta Benz, die Mutter von Nigel Baines. Vielleicht lebte sie gar nicht mehr. Sollte er versuchen, sie zu finden? Vielleicht einen Privatdetektiv beauftragen? Nein. Er hatte sie abgestreift wie die Stahlkugel, die sie selbst erwähnt hatte. Wahrscheinlich war sie mittlerweile an Lungenkrebs gestorben.

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