(283) Bereits als er in den Feinkostladen hineingegangen war…

von Alain Fux

Bereits als er in den Feinkostladen hineingegangen war, war ihm die alte zahnlose Frau aufgefallen. Sie kam Nigel wie eine Obdachlose vor, allerdings war sie dafür zu gut gekleidet und auch zu sauber.

Als er den Laden wieder verließ, schob er einen großen Einkaufswagen vor sich und steuerte die Heckseite seines Geländewagens an. Die Alte stand etwas weiter weg und beobachtete die Passanten. Mit der Fernbedienung öffnete Nigel die Heckklappe.

Er hatte Getränke und Essen gekauft für die Party am kommenden Tag. Dazu hatte er eine ganze Menge wichtiger Leute eingeladen, um mit Ihnen Ritas Einzug zu feiern. Die junge, scharfe Frau an seiner Seite würde zeigen, dass er es immer noch drauf hatte. Ein paar Produzenten und Regisseure hatten zugesagt, dass sie nach Möglichkeit kommen würden. Dazu ein paar Freunde, die auch in den Jahren zu ihm hielten, als es nicht mehr so gut lief. Echte Freunde halt. Dafür hatte er auch keine Kosten gescheut. Ein Innenarchitekt hatte zusammen mit Rita das Haus auf Vordermann gebracht. Er hatte guten Single Malt und Champagner gekauft. Französisches Gebäck, Austern, Kaviar und vieles mehr. Die ganze Einkaufsliste von Rita hatte er abgearbeitet. Er stellte den Karton mit den Spirituosen in den Kofferraum zusammen mit den Kisten von Lebensmitteln. Das meiste würde am Nachmittag noch geliefert werden.

Zuerst wollte sie nicht bei ihm einziehen. Erst als er sie fragte, ob sie ihn denn nicht liebte, hatte sie eingewilligt. Man musste sie zwingen, denn sie wussten nie, was sie wollten.

„Du hast großen Hunger?“ Die Alte hatte sich unbemerkt neben ihn gestellt und schaute in den Kofferraum. Er lachte und verneinte. „Du hast eine große Familie?“, forschte sie weiter. “Nein, auch das nicht. Ich habe viele Freunde und die kommen alle, um mich zu besuchen“, erklärte er. Die Alte schien nachzudenken. „Freunde, aha. Soso. Das ist ja sehr schön. Wenn du mich einlädst, bin ich auch deine Freundin“, sagte sie und lächelte ihn an. Ihre beiden oberen Scheidezähne fehlten und in der Zahnlücke spielte ihre rosige Zunge an den Nachbarzähnen. “Würde dir das gefallen, mein Sohn?“ Nigel schlug den Kofferraumdeckel zu. „Ich bin nicht ihr Sohn“, sagte er. „So, wessen Sohn bist du denn? Du toller Mann mit einem großen Auto, vielen Lebensmitteln und wahnsinnig vielen Freunden, die er durchfüttert. Wo ist denn deine Familie, hä?“

Nigel schubste den Einkaufswagen auf sie zu und setzte sich auf den Fahrersitz. Als er den Motor startete, machte es Klonk an der Außenseite des Wagens. Die Alte hatte den Einkaufswagen dagegen geschoben und war weiter gegangen. Als er den Wagen aus der Parklücke manövrierte, schrammte der Einkaufswagen etwas an der Tür entlang, bevor das Auto sich befreit hatte und sich in den Straßenverkehr einordnete.

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