(281) Rita brauchte nicht lange nach ihm zu suchen.

von Alain Fux

Rita brauchte nicht lange nach ihm zu suchen. Das Glitzern der bunten Schmucksteine an seinem weißen Kostüm hob ihn aus der Masse der Läufer heraus. Gabriel stand ziemlich weit vorne, fast an der Startlinie. Sie versteckte sich in einer der hintersten Reihe der Zuschauer und sah ihn nur zwischen den Köpfen der Menschen, die vor ihr standen. Zuerst wollte sie winken, aber dann war sie zu faul gewesen, den Arm aus dem Pulk zu heben, um sich zu zeigen.

Gabriels Mitläufer schienen wie Parodien von Gabriel zu sein. Sie hatten Perücken, er hatte echte Haare, die er vor jedem Auftritt fast eine Stunde lang mit diversen Ölen und Wachsen bearbeitete, damit sie genauso aussahen, wie die seines Idols. Er trug ein maßgeschneidertes Bühnenkostüm nach Originalvorlagen, sie trugen irgendwelche weißen Overalls aus den verschiedensten Quellen. Manchmal schlackernd weit, manchmal so eng, dass die Fettpolster an der Taille den Gürtel zu sprengen drohten. Billige Sonnenbrillen, Plastikringe an den Fingern.

Gabriel war anders. Er hatte sich dem King völlig hingegeben. Lebte in einer anderen Welt. War das ihre Welt?

Die Zuschauer um sie herum waren nur da, um ein ungewöhnliches Spektakel zu genießen. Dutzende von erwachsenen Männern, die einen Wettlauf in Kostümen rennen würden. Manche kannten den einen oder anderen Läufer. Andere suchten sich einen Favoriten nach völlig subjektiven Kriterien. Keiner schien auf Gabriel zu setzen. Er war in seiner Rolle zu perfekt. Für dieses Spaßrennen war er fehl am Platz. Er sah auch nicht glücklich aus. Spürte wohl, dass ihm die Teilnahme nicht den gewünschten Werbeeffekt bringen würde.

Es war zum letzten Mal, dass sie Gabriel zu einem Auftritt begleitet hatte. Es war seine Welt, nicht ihre. Er wusste es noch nicht. Wahrscheinlich würde es ihm auch egal sein. Er brauchte keinen Partner, sondern eine Assistentin, die ihm den schneeweißen, frischgebügelten Schal um den Hals hing, bevor er auf die Bühne trat. Nigel, ihr neuer Freund, hatte zwar auch die guten Zeiten bereits hinter sich gelassen. Aber er suchte nach einer eigenen Zukunft. Gabriel suchte nur nach der goldenen Vergangenheit eines anderen. Gabriel hatte keine Zukunft.

Die Musik hörte auf. Die Läufer brachten sich in Position. Gabriel sah konzentriert aus. Verbissen sogar. Dann fiel der Startschuss und die Elvisse setzten sich in Bewegung, Gabriel mittendrin. Rita wartete bis alle die Startlinie überschritten hatten und die Zuschauermenge den freigewordenen Platz einnahm und sich auflockerte. Dann wandte sie sich ab und ging.

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