(278) Die Neonröhren flackerten nacheinander…

von Alain Fux

Die Neonröhren flackerten nacheinander, als ob ein Schauder durch die Betondecke der Tiefgarage lief. Armin sah sich auf einer der untersten Ebenen. Der Raum war leer, auf dem Boden standen Pfützen von schwarzem Wasser, auf deren Oberflächen Ölflecken in Regenbogenfarben schimmerten. Bis auf Wassertropfen, die irgendwo von der Decke fielen, war es still.

Während er überlegte, was er hier sollte, kam am anderen Ende des Raumes plötzlich ein Aufzug an. Das helle Rechteck der Glastür warf ein kaltblaues Licht auf den Betonboden. Er sah einen schwarzen Schatten hinter dem Glasfenster. Die Tür öffnete sich und eine dunkle Gestalt trat heraus. Langsam setzte sie sich in Bewegung, geradewegs auf ihn zu. Armin  zögerte und schaute sich um, wohin er flüchten könnte. Er lief die Rampe hinauf. Als er oben angekommen war, blieb er stehen und sah hinter sich. Doch dann bog auch schon die Gestalt um die Biegung. Mit Entsetzen stellte Armin fest, dass sie ein großes Messer mit Sägezähnen in der Hand hielt. Mit gleichmäßigen Schritten kam sein Verfolger die Rampe hoch.

Armin lief quer über die nächste Ebene, auf die nächste Rampe zu. Dann hinauf. Noch eine Ebene, eine Rampe und dann gleich noch einmal. Es gab keine Markierung, wie tief unter der Erde er noch war und jede Ebene schien wie die vorherige. Jedes Mal wenn Armin innehielt, um zu sehen, ob er seinen Verfolger abgeschüttelt hatte, kam dieser die Rampe hinter ihm hoch. Die Gestalt schien weder außer Atem, noch irgendwie angestrengt. Ihre gleichmäßigen Schritte, die lautlos die schiefe Ebene hochkamen, machten Armin am meisten Angst.

Das Messer hielt der Verfolger mit einem Arm hoch über sich, damit Armin es gut sehen konnte. Durch die Lichtreflexionen sah es manchmal aus, als ob Blut an der Klinge herunter rönne und sich Fleischstücke zwischen den Sägezähnen befänden.

Auf einer Rampe war der Messermann so nahe, dass Armin ihm ins Gesicht sehen konnte. Allerdings war da kein Gesicht, sondern nur eine glatte fleischfarbene Fläche, hinter der man vage eine Nase, ein Kinn und eine Stirn vermuten konnte. Es war ein Nichtgesicht.

Erst im letzten Augenblick konnte Armin seinen Blick abwenden und wieder weglaufen. Sein Herz pochte, es war, als ob es ihm in der Luftröhre steckte und diese verbrannte. Die nächste Ebene, auf der er ankam, hatte keine weitere Rampe nach oben. Armin kam der Gedanke, dass er ganz oben war, nicht tief unter der Erde, sondern hoch darüber.

Vor ihm war eine Tür in der Wand eingelassen. Der Messermann war schon auf zwei Meter an Armin herangekommen. Armin öffnete die Tür und sprang hindurch. Allerdings kam er nicht auf einem festen Untergrund an, sondern fand sich im freien Fall in eine tiefe Straßenschlucht wieder. Er sah zurück. Der Messermann stand in der Tür und sah Armin zu, wie er fiel, das Messer wie triumphierend in die Höhe gereckt.

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