(277) Für Armin Juhl war es der beste Tag des Jahres.

von Alain Fux

Für Armin Juhl war es der beste Tag des Jahres. Natürlich waren die Monate zum Jahresende immer profitabler als die anderen. Aber auch daran gemessen war es ein denkwürdiger Tag. Sieben seiner Kunden waren seinem Rat bis zur letzten Nachkommastelle gefolgt und hatten hohe Beträge in Rentenversicherungen investiert. Dabei hatten sie vor allem seine Produktauswahl abgesegnet. Natürlich waren es genau die Produkte gewesen, die für Armin Juhl am profitabelsten waren. Er schätzte seinen langfristigen Gewinn aus diesen Versicherungen auf ca. 173 TEUR.

Trotzdem lag er in der Nacht wieder wach und konnte nicht mehr einschlafen. Er hatte so gehandelt, wie es seinem Trieb entsprach: nur am eigenen Vorteil orientiert. Die Rechnung war aufgegangen und er müsste froh darüber sein. Aber er fühlte sich eingeengt. Er starrte ins Dunkel seines Schlafzimmers. Schweiß stand ihm auf der Stirn. Obwohl seine Provisionszahlen sich immer mehr in Richtung eines persönlichen All Time High entwickelten, fühlte er sich hundsmiserabel.

Juhl beschloss in jener Nacht professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen, bevor seine Performance unter seinen Schlafstörungen leiden würde. Nach achtzehn Monaten Therapie würde er herausfinden, dass er unter dem Zwang litt, ständig seinen eigenen Vorteil zu suchen. Seit seiner Kindheit war er darauf hin konditioniert worden. Die Ausbildung zum Versicherungskaufmann hatte es noch weiter gefördert. Der letzte Schliff war die Zusatzausbildung zum Versicherungsmakler gewesen.

Seitdem war jeder Mensch, der ihm begegnete, ein potenzieller Kunde, den er anwerben musste. Dabei verbot es sein interner Kodex, bei seinen Empfehlungen auf die eigentlichen Bedürfnisse seiner Kunden einzugehen. Durch die Therapie würde Juhl lernen, dass sein Egoismus der Entfaltung seiner Persönlichkeit im Wege stand. Mit anderen Worten: Er musste seine ursprünglichen Ziele infrage stellen, um selber voran zu kommen.

Diese Entdeckung würde ihn später noch stärker in Bedrängnis bringen. Es bedeutete eigentlich, dass er sich selbst neu erfinden musste. Er würde daran scheitern. Weil er seine aufgebaute Persönlichkeit nicht ändern konnte, blockierte er seine weitere Entfaltung. Und weil er wusste, dass sein Egoismus der Entfaltung seiner Persönlichkeit hinderlich war, war er in seiner Arbeit als Versicherungsmakler gehemmt. Er würde in einer ausweglosen Klemme stecken.

Aber das wusste er noch nicht, als er im Bett lag und beschloss, am nächsten Tag in den Gelben Seiten nach einem Psychologen zu suchen. Dieser Entschluss gab ihm Zuversicht und er konnte erst einmal wieder einschlafen.

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