(276) Als Wirtschaftsanwalt war Anatol Holbein ungemein erfolgreich.

von Alain Fux

Als Wirtschaftsanwalt war Anatol Holbein ungemein erfolgreich. Durch harten und unermüdlichen Einsatz hatte er es geschafft, der jüngste Partner einer weltweit operierenden Kanzlei mit 317 Anwälten zu werden. Sein Rat wurde bei Mandanten und Kollegen gleichermaßen geschätzt. Er war die treibende Kraft hinter großen Fusionen und verspürte oft das Gefühl von Allmacht. Er fragte sich zunehmend, ob er der Welt auch seine Wertvorstellungen in anderen Bereichen aufdrücken konnte.

Er beschloss, dies mit einem Mord zu testen. Das Opfer war ein Kollege, der ineffektiv arbeitete und mehr aus der Kanzlei herauszog, als er hineinbrachte. Holbein konnte also zwei Fliegen mit einem Schlag erledigen: einen unnützen Mitesser loswerden und seinen Einfluss auf die Wertvorstellungen der Welt auf die Probe stellen. Der Mord war leicht, für die Planung brauchte Holbein nur die Dauer eines Sandwiches. Die Ausführung geschah drei Tage später. Er erwartete den Schmarotzer in der Tiefgarage, neben dessen Wagen, und setzte ihn mit einem Elektroschocker außer Gefecht. Dann fuhr er ihn mit dessen eigenen Wagen aus der Stadt und versenkte ihn samt Wagen in einem See. Er hatte erwartet, dass sich die öffentliche Meinung mit dem Fall beschäftigen würde und man allgemein zu dem Schluss kommen würde, dass das Töten von unnützen Menschen eine akzeptable soziale Gestaltungsmöglichkeit sei.

Drei Tage lang gab es Berichte in der Presse über den Mord, dann legte sich das öffentliche Interesse wieder. Holbein war unsicher, ob dies nun der Ausdruck dafür war, dass die Welt seine Wertvorstellungen übernommen hatte oder nicht. Schließlich war er dem Opfer gegenüber gleichgültig gewesen und die Welt ebenfalls. Es war also kein echter Beweis.

Er müsste den Versuch wiederholen, allerdings fiel ihm niemand ein, dem gegenüber er nicht gleichgültig war. Ein Selbstmord schied als Möglichkeit natürlich ebenfalls aus. Nachdem er mehrere Tage über der Fragestellung gebrütet hatte, beschloss er, dass die Beantwortung der Frage seiner nicht würdig sei und dass es interessantere Aufgaben in seinem Leben gab.

Da er seine Allmacht zumindest in den Mandaten, um die er sich kümmerte, ständig bestätigt sah, erlaubte er sich, daraus auf eine erweiterte Allmacht zu schließen. Die Argumentation war zwar nicht wasserdicht, aber um die Frage abschließend zu klären, hatte er keine Zeit.

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