(272) Nach der Hochzeit gab es draußen vor der Kirche einen Umtrunk.

von Alain Fux

Nach der Hochzeit gab es draußen vor der Kirche einen Umtrunk. Reginald hatte seinen mobilen Würstchenstand vor der Kirche aufstellen lassen. Alle waren eingeladen zu einem Getränk und einem Würstchen in der Semmel. Alle weiteren Verzehrungen waren nur gegen Bezahlung möglich. Um Missbrauch im Keim zu ersticken, bekam jeder Besucher des Gottesdienstes am Ausgang zwei Marken, eine rote und eine gelbe. Die roten Marken konnten gegen ein Bier und die gelben Marken gegen ein Würstchen in der Semmel ausgetauscht werden.

Patty verschenkte ihre rote Marke an Lotty und die gelbe an Kitty. Sie selbst trank aus Reginalds Flasche und aß von seinem Würstchen. Reginald war wenig begeistert darüber, aber er ließ es geschehen. Insgesamt hatte er ausgerechnet, dass er bei normalem Konsum die Gratisrunde am Anfang schnell wieder hereingeholt haben würde, sogar unter Berücksichtigung, dass er parallel ja Umsatzeinbußen in der Bar hatte.

Während alle fröhlich essend und trinkend am Würstchenstand plauderten, zog sich der Himmel immer mehr zu. Reginald bemerkte es als Erster. „Ein Sturm kommt auf“, sagte er zu Patty, die nur nickte und mit Lotty weiter scherzte. Immer wieder schaute Reginald nach oben und wurde unruhiger. Zuerst ließ er die farbigen Wimpel ein, die den Stand dekorierten. Nach und nach wurden die Vorräte in sein Lager geschafft. Am Ende ließ er den Stand schließen, die meisten der Holzfäller kauften vorher aber noch ein letztes Bier. Mittlerweile war es fast dunkel und jähe Sturmböen kündigten das Unwetter an. „Kommst du mit nach innen?“, fragte Reginald Patty. Sie schüttelte den Kopf und sagte, er sei ein Weichei. „Uns Holzfällern macht das nichts aus“, fügte Lotty hinzu. Die anderen Holzfäller und Holzfällerinnen nickten. Auch dann noch als der Regen ausbrach. Reginald flüchtete ins Haus. In der Hand hielt er die Geldbörse mit den Einnahmen aus dem Bier- und Würstchenverkauf sowie das Säckchen mit den roten und gelben Marken. Als er die Tür geöffnet hatte, schaute Reginald zu seiner Frau hinüber, die mit ihren Kolleginnen ungerührt unter der großen Linde an der Kirche stand und aus ihrer Bierflasche trank. Blitze beleuchteten die Szene, gefolgt von peitschendem Donner und weiteren Blitzen. Die Regentropfen klatschten nieder und sprangen wieder hoch. Eine ungeheure Windböe fegte durch das Dorf. Nicht nur, dass sie nicht mehr abflaute, sie schien auch immer stärker zu werden.

Zuerst kamen die Büschel von Ruthenischem Salzkraut geflogen, dann Hüte, verschiedener Hausrat. Es steigerte sich. Menschen wurden hinweggesogen, die Kirche brach zusammen und wurde weggefegt. Später fiel die Linde um und wurde aus dem Blickfeld getragen. Am Ende war sogar das Licht wie ausgeblasen.

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