(269) Bäume. Hohe Bäume.

von Alain Fux

Bäume. Hohe Bäume. Hohe Bäume, die dicht gedrängt standen und wenig Licht hereinließen. Hunger. Iwo setzte sich auf und lehnte sich an die Rinde des Baums. Er schaute auf seine Hände und sah nur wuchtige, mit Krallen bewehrte Pranken. Seine Arme waren mit braunem Fell bezogen. Er wollte sein Gesicht befühlen und verletzte sich dabei fast am Auge mit seinen scharfen Krallen. Er hatte eine lang gezogene Nase, die am Ende in den Mund überging. Soweit er es ertasten konnte, war auch sein Gesicht vollständig behaart. Auch seine Beine und überhaupt der ganze Körper. Was war mit ihm geschehen? Er hatte sich verwandelt.

Er richtete sich vollständig am Baum auf und ließ sich zum Gehen aber wieder auf die Vorderbeine plumpsen. Er kam zu einem kleinen See und sah auf der stillen Wasseroberfläche, dass er ein Bär war. Missmutig brummte er. Aber noch schlimmer als die Verwandlung war sein Hunger. Er brauchte unbedingt etwas zu essen.

Etwas weiter am Ufer des Sees sah er eine Hütte, der er sich vorsichtig näherte. Er blinzelte durch die Fenster ins Haus hinein und schnüffelte an einem offenen Fenster. Das Haus war leer, aber er konnte Essen riechen.

Mit der Pranke öffnete er die Tür und ging hinein. Auf dem Tisch standen drei Schüsseln: eine sehr große, eine mittlere und eine kleine. Alle waren mit leckerem Porridge gefüllt. Er leerte alle drei Schüsseln. Dann wollte er sich zum Ausruhen hinsetzten. Es gab einen sehr großen, einen mittleren und einen kleinen Stuhl. Er versuchte alle drei, und alle zerbrachen unter ihm in Stücke. Er schaute sich dann weiter im Haus um und kam in ein Schlafzimmer. Dort standen ein sehr großes Bett, ein mittleres Bett und ein kleines Bett. Das kleine Bett brach unter ihm zusammen. Das mittlere Bett ebenfalls. Das sehr große Bett schien zuerst sein Gewicht zu tragen, aber dann kam es doch ins Wanken und schwenkte seitwärts weg. Die Bettpfosten lösten sich von den Brettern und der Bär lag auf der Matratze auf dem Boden. Er schaute sich um. Im ganzen Haus hatte er eine wahre Verwüstungsorgie angestellt. Alle Durchgänge waren für ihn zu eng gewesen. Tischdecken, Wandbilder, Vasen mit Blumen darin – alles hatte er niedergerissen und zerstört. Er kam sich sehr unzivilisiert vor und schämte sich. Wenn man ihn im Haus finden würde, hätte wahrscheinlich sein letztes Stündchen geschlagen.

Er konnte nicht bleiben. So ging er wieder zurück ins Wohnzimmer, verwüstete die Küchenschränke auf der Suche nach einer Wegzehrung, denn er hatte wieder Hunger bekommen. Dann verließ er das Haus und trollte sich wieder in die tiefen Wälder.

Advertisements