(265) Iwo hatte die Reaktion von Knapp vorhergesehen.

von Alain Fux

Iwo hatte die Reaktion von Knapp vorhergesehen. Mehr als „man könnte“ oder „man sollte“ kam bei ihm nie heraus. Gefolgt von komplizierten Gedankengängen, die ins Leere führten. Kusack wollte nie etwas mit der Umsetzung von Ideen zu tun haben. Aber Iwo spürte es, wenn Kusack einer Meinung mit ihm war. Und nur darauf kam es an.

Am nächsten Tag mischte sich Iwo unter das Publikum bei einer Veranstaltung der Liberalen Partei. Das Thema war die Ausländerintegration. Die Liberale Partei war natürlich dafür. Iwo hatte bereits vorher per Internet Kontakt mit einer lokalen Parteigröße aufgenommen. Er hatte erklärt, dass er gelegentlich für ein kleines Regionalblatt schreibe und sich für liberales Gedankengut interessiere. Mit Freude war er eingeladen worden. Am Eingang brauchte er nur seinen falschen Namen zu nennen, schon wurde er an den Kontrollen vorbeigelotst. Mit Genugtuung sah er, dass man ihm einen Platz im Presseblock reserviert hatte. Das würde den Effekt seiner Aktion vergrößern.

Während der Veranstaltung wurden die üblichen Reden geschwungen. Auch ein Ausländer kam zu Wort und radebrechte sich durch einen langatmigen Vortrag. Dann kamen die Fragen des Publikums. Iwo meldete sich und stand auf, als ihm das Wort erteilt wurde.

Zuerst lullte er die Zuhörer mit ein paar Allgemeinplätzen ein, bevor er loslegte. „Wir haben doch gesehen, dass alle Angebote zur Integration nichts gefruchtet haben. Warum zwingen wir die Integration nicht herbei? Mit Gewalt kommt man doch immer am besten zurande.“ Entrüstung auf der Tribüne. Entschiedene Distanzierung von Gewalt im Allgemeinen und bei Ausländerfragen im Speziellen. Wer er denn sei und was er bei einer solchen gewaltfreien Veranstaltung suche, wollte man von Iwo wissen. „Ich bin derjenige, den ihr nicht um den Finger wickeln könnt. Ich stehe für alles, was dieses Land groß gemacht hat. Und Ihr Waschlappen werdet daran nichts ändern. Integration, dass ich nicht lache. Liberal, haha. Ihr seid doch die Ausgeschlossenen in dieser Gesellschaft. Zusammen mit Euren ausländischen Freunden, die nur Schmarotzer unseres Sozialstaats sind…“

Iwo wollte weiter reden, aber zwei Sicherheitsleute waren von hinten an ihn getreten und nahmen ihn in den Polizeigriff. Iwo schrie vor Schmerzen auf und drehte sein Gesicht in die Kameraobjektive der Journalisten, die ganz nahe an ihm dran waren. Sie sollten sehen, wie die Liberalen ihn hier misshandelten. „Ihr Schweine“, schrie er, als sie ihn aus dem Saal zerrten, durch das Foyer schleiften und ihn vor die Tür warfen. Die Journalisten waren gefolgt und schossen die letzten Fotos von ihm, bevor die Tür sich wieder schloss. Iwo stand auf, klopfte den Staub von seiner Kleidung und machte sich auf den Weg. Die Aktion war ein voller Erfolg gewesen.

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