(263) Der introvertierte US-Sänger, der bei seinem Konzert wie entrückt gewirkt hatte…

von Alain Fux

„Der introvertierte US-Sänger, der bei seinem Konzert wie entrückt gewirkt hatte, erfüllte dem krebskranken Jungen seinen sehnsüchtigsten Wunsch.“

Reiner Kusack lachte dröhnend auf und las den Satz noch einmal laut vor. Seine Mitreisenden in der Straßenbahn schauten zum Fenster hinaus oder betrachteten ihre Fingernägel. Nur der bleiche schmale Mann, der Kusack gegenüber saß, konnte sich nicht drücken. „Gibt es denn keine anständigen Sänger aus unserem Volk, die kleinen kranken Knaben Wünsche erfüllen können? Warum muss es ein Ausländer sein?“

Die Frage war offensichtlich rhetorisch gemeint. Trotzdem versuchte sich der Mickerling an einer Erklärung: „Vielleicht mochte der Junge gerade diesen Sänger…“ Kusack plusterte jetzt seinen ohnehin schon breiten Oberkörper weiter auf und musterte sein Gegenüber dabei empört: „Genau das ist es doch! Der Junge ist von seinen wahrscheinlich rosaliberal-getünchten Eltern konditioniert worden. Man hat ihm eingeredet, dass dieser verwahrloste Ausländer singen kann. Ja, dass er den kleinen Jungen anspricht! Der Junge hatte ja keine Chance sich gegen diese Indoktrinierung zu wehren. Es sind nicht die Kinder, sondern die Eltern!“

Seine Stimme versagte und Kusack nahm die Dose mit den Halspastillen heraus. Er warf sich eine davon in den Mund. Der Mickerling redete noch einmal: „Nun, ich würde von mir behaupten, ein Konservativer zu sein. Und doch mag ich die Lieder von Jim Burden auch. Das macht mich doch nicht zu einem Landesverräter.“ – „Doch“, schrie ihn Kusack an. Dabei sprang ihm die Pastille aus dem Mund und hätte seinen Mitreisenden fast im Gesicht getroffen. „Sie sind ein Brandstifter und auch ein Verräter. Denn Sie wissen, was richtig ist und tun doch das Gegenteil. Wenn wir Rechten schon nicht zusammen halten, dann ist alles umsonst!“

Der Mann schüttelte den Kopf: „Mit Ihnen zusammen bin ich auf keinen Fall ein Rechter. Da sei Gott vor… Übrigens die Pastillen, die sie lutschen, um Ihr giftiges Mundwerk zu ölen… Diese Pastillen kommen auch aus dem Ausland. Und hier muss ich schon aussteigen. Ich wünsche Ihnen einen guten Tag.“

Er erhob sich und öffnete per Knopfdruck die Straßenbahntür, als der Wagen zum Halten kam. Verblüfft schaute Kusack ihm nach. Als der Mickerling die Treppe zum Bürgersteig hinunterstieg, holte Kusack aus und warf ihm die Pastillendose nach. Sie verfehlte den Mann allerdings und fiel scheppernd auf den Bürgersteig. Dort platzte sie auf und verteilte ihren Inhalt in alle Richtungen. Als die Straßenbahn sich wieder in Bewegung setzte, merkte Kusack, dass es auch seine Haltestelle gewesen wäre.

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