(262) Getobt hatte er, als sie ihn schon am frühen Morgen weckten.

von Alain Fux

Getobt hatte er, als sie ihn schon am frühen Morgen weckten. Er hatte keine Ahnung, was passiert war, aber er wachte in seinen Klamotten im Bett auf. Nur der Stetson lag auf dem Nachttisch. Eigentlich hätte sonst niemand in das Hotelzimmer hereinkommen können, so dick war sein Kopf gewesen. Und doch standen da vier Leute, die alle irgendwie bekannt aussahen. Er solle mitkommen in ein Krankenhaus? So ein Quatsch, er fühlte sich blendend. Alles was er brauchte, war ein Ramos Gin Fizz. Er habe es zugesagt. Hatte er? Er konnte sich nicht daran erinnern. Ein kleiner krebskranker Junge hatte sich seinen Besuch so sehr gewünscht. Die Presse war da. Und es musste am Vormittag passieren, danach fuhr der Tourbus weiter.

Burden versteckte seine roten Augen hinter einer Sonnenbrille. Im Auto trank er den schrecklichen Kaffee, um seinen Mundgeruch zu verbergen. Seine Zahnbürste war schon wieder verschwunden. Vielleicht merkte es einer und kaufte ihm eine neue. Oder er nahm die Zahnbürste des Krebskranken. War das ansteckend? Ein Kind. Was hatte ein Kind schon von seiner Musik? Man konnte sie erst verstehen, wenn es zu spät war. Seine Musik würde niemand helfen. Nur vielleicht den einen oder anderen trösten.

Und wo zum Teufel war er überhaupt? In den letzten Tagen hatte er es kein einziges Mal herausfinden können. Eine Abfolge von Busreisen und Hotels, Garderoben und Bühnen. Wie ein Wirbelsturm. Der Tempest Song. Plötzlich wurde er unruhig, aber bevor er etwas machen konnte, hob der Typ, der jetzt immer dabei war, den Gitarrenkoffer hoch. Wenigstens das.

Am Eingang des Krankenhauses eine Menschentraube. Jemand gab ihm einen Stift. Damit kritzelte er seinen Namen auf alles, was man ihm im Vorbeigehen hinhielt. Fotos, Alben, Plattenhüllen. Sogar ein Aufnahmeformular hielt ein Pfleger ihm hin und er unterschrieb. Er hätte gleich dableiben können.

Im Aufzug war es eng. Oben Blitzlichtgewitter. Er wollte die Journalisten fragen, wo er sich befand. Die müssten es doch wissen. Aber er wurde gleich weitergeführt in ein Krankenzimmer. Darin war es still, die Meute musste draußen bleiben. Der Junge freute sich, lachte. Er sah ausgezehrt aus unter seiner Wollmütze. Der Junge nahm die Mütze ab. Er war kahl darunter. Wollte, dass Burden ihm darüber streichelte. Burden konnte es nicht und setzte ihm seinen Hut auf. Plötzlich kamen ihm die Tränen und er fiel vornüber auf die Knie vor das Bett, stützte den Kopf in die Hände und schluchzte. Der Junge streichelte ihm die langen fettigen blondierten Strähnen, die sauer nach den Ausdünstungen der letzten Tage rochen. Und zum ersten Mal seit er auf der Red Tour war, fühlte Burden so etwas wie Erleichterung.

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