(261) Jim Burden nestelte den Stecker in die Buchse seiner alten verschrammten Stratocaster…

von Alain Fux

Jim Burden nestelte den Stecker in die Buchse seiner alten verschrammten Stratocaster, auf der in reflektierenden Lettern seine Initialen ‚JB‘ klebten. Auf der Tour hatte jemand den Witz gemacht, JB stünde für Jim Beam. Burden hatte es nicht mitgekriegt.

Er brauchte die Gesichter des Publikums hinter dem blendenden Licht der Schweinwerfer nicht zu sehen. Er wusste, dass sie da waren, gekommen für ihn und seine Musik. Bluesrock vom Feinsten. Es war seine x-te Tour und sie hieß ‚The Red Tour’. Entsprechend trug er einen roten Stetson und eine rote Fransenjacke. Wenn er sich nur noch erinnern könnte, wo er jetzt gerade war. Er könnte die Fans begrüßen. Jemand hatte es vorhin gesagt. Er hatte es vergessen. Er schrammelte ein paar Akkorde, um der Band zu zeigen, dass es gleich losging. „The Thunder is Coming“, das erste Stück der Setliste. Oder war es „Look out for it“. Verdammt, wo war der Zettel. Noch ein paar Akkorde, um Zeit zu gewinnen. Er suchte am Boden nach dem Zettel.

Für das Publikum sah es aus, als ob Burden sich noch sammelte. Der Bassist trat an ihn heran und zeigte auf den Monitorlautsprecher vor Burden. Daran klebte, wie an jedem Abend die Setliste. Also doch der Tempest Song. Burden nickte. Er schob sich den Hut in die Stirn, um sich vor den grellen Scheinwerfern zu schützen. Seine Stirn war schon jetzt schweißnass. Er legte mit der Intro los und die Band fiel ein. Der Tempest Song, wie oft hatte er ihn schon gespielt? Er improvisierte etwas in der Intro und dann wurde es etwas leiser für seinen Gesangseinsatz.

Der Bassist trat näher an ihn heran, um ihm bei einem etwaigen Aussetzer zu helfen. Burden drehte sich weg, er wollte nicht, das Spotlight in diesem Moment teilen. Er fand den Bassisten unverschämt. Vielleicht sollte er mal ausgetauscht werden. Das Mikrofon stand zu hoch, er musste wieder in die Schweinwerfer sehen und schloss die Augen mit schmerzverzerrter Miene. Das Publikum klatschte mit.

Der Einstieg ging gut, seine gefeierte raue Stimme nahm die Worte an und schien sie einfach weg zu raspeln. So stellte er sich das immer vor, er sang und sägte die Texte und die Noten weg. Wo zum Teufel war dieses Konzert? Warum stand das nicht auf der Setliste? Wie sollte er sich das merken, es war jeden Tag ein anderer Ort. Weil er sich nicht mehr erinnern konnte, wo er war, vergaß er während des ganzen Konzerts, das Publikum anzusprechen. Er spielte und sang ein Lied nach dem anderen. Ihm war heiß, es war zu hell, die anderen Musiker wollten seinen Platz streitig machen, er wusste nicht wo er war… Der Abend war ein einziger Schmerz. Nur zwei Dinge trösteten ihn. Seine Gitarre von jeher, die er selbst gebaut hatte und die mindestens genauso viel Anteil am Erfolg seiner Musik hatte als er. Und die Flasche, die am Ende des Konzerts auf ihn wartete. Auf der Bühne durfte er nicht mehr trinken, er wurde sogar kontrolliert. Wie ein Gefangener der Tennessee String Pals.

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