(258) Da Rogge sein Büro an jedem Tag pünktlich um 18 Uhr verließ…

von Alain Fux

Da Rogge sein Büro an jedem Tag pünktlich um 18 Uhr verließ, hatte Krips keine Sorge, dass er das Konzert verpassen würde. Sein Bruder Helmut hatte ihn wieder einmal eingeladen, diesmal zu einem Blues-Konzert mit einer amerikanischen Band. Im Gegensatz zu Hugo hatte Helmut Krips ein eher sonniges Gemüt und sorgte dafür, dass sein Bruder sich hin und wieder etwas Spaß gönnte.

Vielleicht hing Helmuts Lebenseinstellung damit zusammen, dass er der jüngere der beiden Brüder war und Hugo viele Kämpfe mit dem Vater bereits ausgefochten hatte, als Helmut dran war. Seit der Geburt von Helmut hatte Hugo einen Beschützerinstinkt für seinen Bruder entwickelt.

Einmal hatten die beiden, trotz des väterlichen Verbots, vor dem Kirchgang am Sonntagvormittag Fußball gespielt. Helmut hatte den Ball in ein Kellerfenster gedroschen und die Scheibe war kaputt gegangen. Die Brüder wurden von Franz Krips, ihrem Vater, regelrecht vernommen. Zuerst leugneten beide. Franz sprach zu seinen Söhnen und machte ihnen klar, dass nur einer der beiden als Täter in Frage kam. Ein schnelles Geständnis würde einen Einfluss auf die Härte der Bestrafung haben. Hugo gestand die Tat und nahm die Strafe auf sich. So waren die Dinge zwischen den beiden einfach geregelt.

Ihre Mutter Gerda spielte bei ihrer Erziehung keine besondere Rolle. In der Familie verkörperte sie allenfalls die Verwaltung. Franz hingegen repräsentierte in einer Person die Legislative, die Judikative und Exekutive. Er bestimmte die Regeln, hielt Gericht über die unvermeidlichen Verfehlungen und führte die Bestrafung selbst aus. Zwischen Franz und Helmut war Hugo der Vermittler und der Puffer.

Vielleicht war es auch dieses Verantwortungsgefühl gegenüber seinem Bruder, das ihn in den Polizeidienst trieb. Vielleicht wollte er seinem Vater auch als die wahre Exekutive entgegentreten. Seine Motivation wurde nie richtig erforscht. Der praktische Nutzen einer solchen Erforschung wäre auch sehr gering, da Franz wenige Tag vor Hugos Eintritt in den Polizeidienst unvorhergesehen an einer Hirnblutung starb. Gerda verfiel kurz danach einer frühzeitigen Altersdemenz und musste in ein Pflegeheim, wo die Brüder sie nach Möglichkeit abwechselnd jede Woche einmal besuchten. Hugo kümmerte sich weiter um seinen Bruder, der schon als Kind ein Talent zum Tennisspielen gezeigt hatte und mehr und mehr darin sein Heil suchte.

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