Tilt Shift Panoptikum

Fiktion. Eine Vielzahl von Geschichten, die miteinander verknüpft sind. Alain Fux.

Monat: November, 2016

(286) Faust presste den Hörer ans Ohr.

Faust presste den Hörer ans Ohr. „Dr. Edgar Danz?“, fragte er. „Am Apparat. Sie rufen aus Kanada an, Herr Faust?“ – „Ja.“ – „Nun, danke für alle Unterlagen und die detaillierte Beschreibung. Sie hatten ein sehr bewegtes Leben, Herr Faust, wenn ich das so sagen darf. Erlauben Sie mir, dass ich die wichtigsten Etappen noch einmal zusammenfasse, damit ich sicher bin, dass ich alles richtig verstanden habe.

Mit 17 Jahren lebten Sie hier am Ort, wo Sie auch geboren wurden. Sie waren Sie mit einem Mädchen aus Ihrer Schule befreundet. Eines Tages waren Sie beide in einem Café und ein anderer Gast belästigte Ihre Freundin. Sie wollten ihn davon abhalten und es kam zu einem Streit. Ihr Gegner reizte Sie und irgendwann verloren Sie die Beherrschung, zogen ein Messer aus ihrer Tasche und stachen damit auf Ihren Gegner ein. Im Gerangel trafen Sie sein Herz und er starb. Sie flüchteten und hielten sich zuerst versteckt.

Um der Strafverfolgung zu entgehen, beschlossen Sie, auszuwandern. Sie ließen sich als unbezahlte Hilfskraft auf einem Frachtschiff anheuern und reisten nach Kanada. Dort gelangten sie illegal an Land und schlugen sich durch bis an den Sankt-Lorenz-Strom, wo Sie auch jetzt noch sind. Sie arbeiten dort als Holzfäller. Sie überlegen sich jetzt, zurückzukommen, und möchten von mir eine Auskunft, was Sie hier erwartet. Ist das soweit richtig, Herr Faust?“

„Ja, das ist richtig. Können Sie mir helfen?“ – „Ja, Herr Faust. Das kann ich. Ich habe Nachforschungen angestellt. Der Mann, mit dem Sie einen Streit wegen Ihrer damaligen Freundin hatten, hieß Benno Fassbender. Sie hatten Herrn Fassbender nicht ins Herz gestochen. Es war nur eine Fleischwunde und er konnte nach ambulanter Behandlung das Krankenhaus wieder verlassen. Er hat übrigens kurz darauf ihre damalige Freundin geheiratet. Die beiden sind aber im vergangenen Jahr bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Was heißt das für Sie? Nun, ich denke, es war maximal ein Fall von gefährlicher Körperverletzung, drei bis fünf Jahre, in Ihrem Fall hätten Sie eine Strafe auf Bewährung gekommen. Also kein Gefängnis. Sind Sie noch dran?“ – „Ja. Das ist alles nur schwer fassbar für mich…“ – „Das kann ich verstehen, Herr Faust. Auf jeden Fall ist die Sache verjährt. Sie können also getrost jederzeit zurückkommen.“ Cornel Faust kam zurück, weil er Sehnsucht nach seinem Heimatland hatte. Sein Heimatland hatte aber keine Verwendung für ihn. Er konnte nur Holzfällen, aber das wurde gerade nicht gesucht. Seine Ersparnisse schrumpften immer mehr und er bereitete sich schon darauf vor, wieder nach Kanada zurückzureisen, wahrscheinlich wieder als unbezahlter Arbeiter auf einem Frachter, denn einen Flug konnte er sich nicht leisten.

(285) Drei Tage nachdem Rita ihn verlassen hatte…

Drei Tage nachdem Rita ihn verlassen hatte, beauftragte Nigel Baines einen Privatdetektiv, um seine Mutter zu finden. Bereits kurze Zeit später bekam er die Auskunft, dass sie schon vor fünf Jahren gestorben war. Er hatte es erwartet und doch konnte er die Tränen nicht unterdrücken. Sie hatte wieder geheiratet, es gab aber sonst keine Kinder. Alles was sie besaß, hatte sie ihrem Mann vererbt.

Nigel beschloss, an den Ort zu reisen, an dem sie die letzten Jahre verbracht hatte. Da alle seine Projekte still standen, konnte er sofort aufbrechen.

Seine Mutter hatte in einer Mietwohnung in einem Vorort gelebt, der schon bessere Zeiten gesehen hatte. „Faust“ stand an der Klingel, wie der Detektiv ihm gesagt hatte. Er drückte den Knopf, die Tür ging auf. Er stieg in den dritten Stock und auch die Wohnungstür stand offen. Er klopfte und ging hinein.

Alles an der Wohnung war ihm fremd. Ein älterer drahtiger Mann mit Bürstenhaarschnitt kam aus der Küche. Erst sah er Baines skeptisch an, dann erkannte er ihn. Er lächelte und kam mit ausgestreckter Hand auf ihn zu. Sie setzten sich ins Wohnzimmer. Cornel Faust, der Mann seiner Mutter, erzählte ihm von ihren letzten Jahren. Sie hatte immer wieder von Nigel geredet und sich dafür interessiert, was er gerade machte, welche Filme er drehte. Faust brachte ein Album mit den Zeitungsausschnitten, die sie gesammelt hatte. Etwas verlegen gab er zu, auch nach dem Tod von Loretta die Sammlung fortgesetzt zu haben. „Für Loretta“, sagte er.

„Sie hat nie versucht, mit mir in Kontakt zu treten“, sagte Baines. „Sie waren weggegangen. Sie wären jederzeit willkommen gewesen. Sie war Ihnen nicht böse. Aber sie brachte es nicht übers Herz, Sie anzusprechen.“ Baines fühlte sich beschämt. „Ihre Mutter war sehr einsam, als sie mich bei sich aufgenommen hatte. Auch vorher war sie lange einsam gewesen. Wahrscheinlich war sie es ihr ganzes Leben lang.“

Baines‘ Hals war zuerst wie zugeschnürt. Dann ließ er seinen Tränen freien Lauf. Phasen des Weinens wechselten mit kleinen Schreien und Seufzern, die er hervorstieß. Mit seinen Händen rieb er sich die Augen und verteilte die Tränenflüssigkeit im Gesicht. Faust sah ihm zu.

„Wie ist sie gestorben?“, fragte Baines, als er sich wieder gefasst hatte. „Sie stand auf dem Balkon, mit einer Zigarette im Mund. Sie schimpfte gerade darüber, dass das Viertel von den Spekulanten zu Schande geritten wurde und dass sie diese Wohnung nur als Leiche verlassen würde. Mitten im Satz wurde es zuerst still, dann hörte ich sie zusammensacken. Der Notarzt war schnell da, aber es war schon zu spät. Und Sie kommen auch zu spät.“ Baines fing wieder an zu heulen und nickte dabei.

(284) Es war Weihnachten gewesen.

Es war Weihnachten gewesen. Normalerweise erhielt Nigel seine Geschenke am Abend, nach dem Abendessen. Er konnte sich nicht an jede der vorherigen elf Weihnachtsfeiern erinnern, die es in seinem Leben bisher gegeben hatte, aber die Regel war klar.

Beim zwölften Mal eröffnete ihm seine Mutter am Weihnachtstag selbst, dass die Bescherung bereits am frühen Nachmittag sein würde. Er protestierte, aber sie ließ nicht mit sich reden.

Später am Tag rief sie ihn ins Wohnzimmer. Sie trug ihren türkisfarbenen Morgenmantel, hatte Lockenwickler im Haar und, wie fast immer, eine Zigarette zwischen den Lippen. Sie nahm einen Zug und legte zwei Pakete in Geschenkpapier vor ihn. Bevor er etwas sagen konnte, meinte sie: „Mach sie auf.“

Er riss das Papier herunter. Sie saß ihm gegenüber und rauchte. Ein Geschenk war ein Pullover und das andere eine Lokomotive für seine Modelleisenbahn. Sie schien nicht mit seiner Dankbarkeit zu rechnen, aber er bedankte sich trotzdem. Sie stieß die Zigarette im Aschenbecher aus und antwortete: „Klar, ist ja Weihnachten.“ Dann fügte sie hinzu: „Ich denke, Du kommst klar heute Abend. Ich treffe einen Freund.“ Das hatte er sich gedacht. Einer der vielen Freunde, die er manchmal sah, manchmal nicht. Sie hatte ihm erklärt, dass es wichtig sei, viele Freunde zu haben, wenn man erwachsen wird. Warum, hatte er sie gefragt. „Weil man mit den Freunden immer sehr viel Spaß hat.“ Bei Nigels Schulfreunden zuhause war es anders. „Bei denen ist immer die Familie wichtiger“, sagte er ihr. Sie lachte heiser auf und hustete den Raucherschleim ab.

Dann zündete sie sich eine neue Zigarette an. „Warum haben wir keine Familie?“, fragte Nigel. „Familie? Klar, die Familie.“ Nigel wartete. „Die Familie ist immer noch da“, erklärte sie. „Auch wenn alle sich von dir abwenden, kannst du es immer noch bei der Familie versuchen. Die verfluchte Familie verfolgt dich dein ganzes verdammtes Leben lang. Sie hängt an dir wie eine Stahlkugel am Fuß. Und wenn du Glück hast, dann helfen sie dir. Und wenn nicht, dann bist du am Ende.“

Nigel erinnerte sich noch immer sehr gut an das Gespräch. Mit 19 Jahren war er zu Hause weggelaufen. Er hatte nie versucht, noch einmal Kontakt mit seiner Mutter aufzunehmen. Wo sie jetzt wohl war? Würde man ihn finden, wenn sie sterben würde? Er hatte seinen Namen geändert. Loretta Benz, die Mutter von Nigel Baines. Vielleicht lebte sie gar nicht mehr. Sollte er versuchen, sie zu finden? Vielleicht einen Privatdetektiv beauftragen? Nein. Er hatte sie abgestreift wie die Stahlkugel, die sie selbst erwähnt hatte. Wahrscheinlich war sie mittlerweile an Lungenkrebs gestorben.

(283) Bereits als er in den Feinkostladen hineingegangen war…

Bereits als er in den Feinkostladen hineingegangen war, war ihm die alte zahnlose Frau aufgefallen. Sie kam Nigel wie eine Obdachlose vor, allerdings war sie dafür zu gut gekleidet und auch zu sauber.

Als er den Laden wieder verließ, schob er einen großen Einkaufswagen vor sich und steuerte die Heckseite seines Geländewagens an. Die Alte stand etwas weiter weg und beobachtete die Passanten. Mit der Fernbedienung öffnete Nigel die Heckklappe.

Er hatte Getränke und Essen gekauft für die Party am kommenden Tag. Dazu hatte er eine ganze Menge wichtiger Leute eingeladen, um mit Ihnen Ritas Einzug zu feiern. Die junge, scharfe Frau an seiner Seite würde zeigen, dass er es immer noch drauf hatte. Ein paar Produzenten und Regisseure hatten zugesagt, dass sie nach Möglichkeit kommen würden. Dazu ein paar Freunde, die auch in den Jahren zu ihm hielten, als es nicht mehr so gut lief. Echte Freunde halt. Dafür hatte er auch keine Kosten gescheut. Ein Innenarchitekt hatte zusammen mit Rita das Haus auf Vordermann gebracht. Er hatte guten Single Malt und Champagner gekauft. Französisches Gebäck, Austern, Kaviar und vieles mehr. Die ganze Einkaufsliste von Rita hatte er abgearbeitet. Er stellte den Karton mit den Spirituosen in den Kofferraum zusammen mit den Kisten von Lebensmitteln. Das meiste würde am Nachmittag noch geliefert werden.

Zuerst wollte sie nicht bei ihm einziehen. Erst als er sie fragte, ob sie ihn denn nicht liebte, hatte sie eingewilligt. Man musste sie zwingen, denn sie wussten nie, was sie wollten.

„Du hast großen Hunger?“ Die Alte hatte sich unbemerkt neben ihn gestellt und schaute in den Kofferraum. Er lachte und verneinte. „Du hast eine große Familie?“, forschte sie weiter. “Nein, auch das nicht. Ich habe viele Freunde und die kommen alle, um mich zu besuchen“, erklärte er. Die Alte schien nachzudenken. „Freunde, aha. Soso. Das ist ja sehr schön. Wenn du mich einlädst, bin ich auch deine Freundin“, sagte sie und lächelte ihn an. Ihre beiden oberen Scheidezähne fehlten und in der Zahnlücke spielte ihre rosige Zunge an den Nachbarzähnen. “Würde dir das gefallen, mein Sohn?“ Nigel schlug den Kofferraumdeckel zu. „Ich bin nicht ihr Sohn“, sagte er. „So, wessen Sohn bist du denn? Du toller Mann mit einem großen Auto, vielen Lebensmitteln und wahnsinnig vielen Freunden, die er durchfüttert. Wo ist denn deine Familie, hä?“

Nigel schubste den Einkaufswagen auf sie zu und setzte sich auf den Fahrersitz. Als er den Motor startete, machte es Klonk an der Außenseite des Wagens. Die Alte hatte den Einkaufswagen dagegen geschoben und war weiter gegangen. Als er den Wagen aus der Parklücke manövrierte, schrammte der Einkaufswagen etwas an der Tür entlang, bevor das Auto sich befreit hatte und sich in den Straßenverkehr einordnete.

(282) Nigel hielt das Glas mit dem Rotwein gegen das Licht…

Nigel hielt das Glas mit dem Rotwein gegen das Licht, schnüffelte daran, probierte ihn schließlich. Einige der anderen Gäste im Restaurant hatten ihn erkannt. Rita hatte das Gefühl, dass sich alle fragten, mit welcher Frau Nigel Baines jetzt zusammen sei und wie die beiden zueinander standen. Sie hatte sich für Nigel entschlossen. Mit Gabriel hatte sie nach dem unsäglichen Rennen nur noch einmal telefoniert.

Nigel war gut aussehend, lustig und der Mittelpunkt jeder Gesprächsrunde. Mit ihm entstand keine Langeweile. „Was hast Du denn gedacht, als Du mich zum ersten Mal sahst?“ – „In Wirklichkeit oder im Kino?“ – „In Wirklichkeit.“ Rita konnte jetzt nicht sagen, dass er kleiner wirkte als auf der Leinwand. „Du warst die Sonne dieser Party. Zum Niederknien.“ Diese oder ähnliche Fragen hatte er schon mehrfach gestellt. Jedes Mal hatte sie bei der Antwort etwas draufgelegt. Mittlerweile waren sie bei einem Niveau angelangt, bei dem Nigel zufrieden schien.

Noch während des Hauptgangs bestellte er eine weitere Flasche Rotwein. Rita war schon etwas betrunken, Nigel merkte man nichts an. Er erklärte ihr seine künftigen Projekte. Jedes Mal klang es etwas anders, neue Namen kamen vor. Immer aber war es die Geschichte eines unglaublichen Comebacks ins Charakterfach. Nigel schien ihr sehr glaubwürdig. Er rückte immer näher zu ihr. Als sie ihr Dessert löffelte und er einen Cognac trank saß er dicht neben ihr auf der Bank.

Als sie mit dem Dessert fertig war, nahm er ihre Hand und führte sie unter die Tischdecke auf seinen Schoß. Er musste irgendwann seinen Hosenschlitz geöffnet haben. Sie spürte seinen warmen erigierten Schwanz der unter dem Tisch auf- und niederwippte, als sie ihn berührte. Sie zog ihre Hand zurück. Er grinste. Sie sah ihn schockiert an. „Bitte“, sagte er.

Durch ihren Kopf ratterten alle Handlungsmöglichkeiten durch. Jede Handlungsmöglichkeit erhielt einen Wert. Als alle Berechnungen durchgeführt waren und das Ergebnis feststand, steckte sie die Hand wieder unter die Tischdecke und umfasste den Schaft. Ein Lächeln ging über seine Lippen und sein Körper sackte etwas zusammen, als er sich entspannte. Nachdem er abgespritzt hatte, wischte sie ihre Hand an der Leinenserviette trocken. Er nahm ihr die Serviette ab und säuberte sich selbst unter dem Tischtuch.

Ritas Zukunftserwartungen hatten sich innerhalb dieser Minuten geändert. Sie konnte nicht mit ihm schlussmachen, denn es wäre für sie eine Kapitulation ohnegleichen. Sie würde mit ihm zusammenziehen, denn auch das war geplant. Aber sie würde ihn nach ein paar Monaten verlassen. Sie hatte sich getäuscht in ihm. Trank ihren Espresso aus und zerknüllte die Serviette, die vor ihr lag.

(281) Rita brauchte nicht lange nach ihm zu suchen.

Rita brauchte nicht lange nach ihm zu suchen. Das Glitzern der bunten Schmucksteine an seinem weißen Kostüm hob ihn aus der Masse der Läufer heraus. Gabriel stand ziemlich weit vorne, fast an der Startlinie. Sie versteckte sich in einer der hintersten Reihe der Zuschauer und sah ihn nur zwischen den Köpfen der Menschen, die vor ihr standen. Zuerst wollte sie winken, aber dann war sie zu faul gewesen, den Arm aus dem Pulk zu heben, um sich zu zeigen.

Gabriels Mitläufer schienen wie Parodien von Gabriel zu sein. Sie hatten Perücken, er hatte echte Haare, die er vor jedem Auftritt fast eine Stunde lang mit diversen Ölen und Wachsen bearbeitete, damit sie genauso aussahen, wie die seines Idols. Er trug ein maßgeschneidertes Bühnenkostüm nach Originalvorlagen, sie trugen irgendwelche weißen Overalls aus den verschiedensten Quellen. Manchmal schlackernd weit, manchmal so eng, dass die Fettpolster an der Taille den Gürtel zu sprengen drohten. Billige Sonnenbrillen, Plastikringe an den Fingern.

Gabriel war anders. Er hatte sich dem King völlig hingegeben. Lebte in einer anderen Welt. War das ihre Welt?

Die Zuschauer um sie herum waren nur da, um ein ungewöhnliches Spektakel zu genießen. Dutzende von erwachsenen Männern, die einen Wettlauf in Kostümen rennen würden. Manche kannten den einen oder anderen Läufer. Andere suchten sich einen Favoriten nach völlig subjektiven Kriterien. Keiner schien auf Gabriel zu setzen. Er war in seiner Rolle zu perfekt. Für dieses Spaßrennen war er fehl am Platz. Er sah auch nicht glücklich aus. Spürte wohl, dass ihm die Teilnahme nicht den gewünschten Werbeeffekt bringen würde.

Es war zum letzten Mal, dass sie Gabriel zu einem Auftritt begleitet hatte. Es war seine Welt, nicht ihre. Er wusste es noch nicht. Wahrscheinlich würde es ihm auch egal sein. Er brauchte keinen Partner, sondern eine Assistentin, die ihm den schneeweißen, frischgebügelten Schal um den Hals hing, bevor er auf die Bühne trat. Nigel, ihr neuer Freund, hatte zwar auch die guten Zeiten bereits hinter sich gelassen. Aber er suchte nach einer eigenen Zukunft. Gabriel suchte nur nach der goldenen Vergangenheit eines anderen. Gabriel hatte keine Zukunft.

Die Musik hörte auf. Die Läufer brachten sich in Position. Gabriel sah konzentriert aus. Verbissen sogar. Dann fiel der Startschuss und die Elvisse setzten sich in Bewegung, Gabriel mittendrin. Rita wartete bis alle die Startlinie überschritten hatten und die Zuschauermenge den freigewordenen Platz einnahm und sich auflockerte. Dann wandte sie sich ab und ging.

(280) I’m a steamroller baby/ I’m ‚bout to roll over you.

„I’m a steamroller baby/ I’m ‚bout to roll over you.“ Noch ein paar Minuten. Der Starter stand bereits neben der Linie, mit der Pistole in der Hand. Gabriel Heinz suchte zwischen den Zuschauern nach seiner Freundin Rita. Sie würde die anderen um mindestens einen Kopf überragen. Aber er konnte sie nicht sehen. Was immer das heißen mochte.

Heinz fühlte sich sowieso fehl am Platz. Obwohl er wie die meisten anderen Teilnehmer des „Elvis Lookalike Memorial Race“ in einem Aloha Suit auf den Start des Rennens wartete. Er seufzte. Diese Amateure. Der Typ, der neben Heinz stand, trug eine Perücke aus Plastik. Bei dem dahinter war die Sonnenbrille gar direkt an der Perücke festgemacht. Fast alle trugen aufgemalte oder falsche Koteletten. Sonnenbrillen aus blasigem goldfarbenem Plastik. Lookalike halt. Heinz war Profi, und zwar nicht nur als Lookalike, sondern gleichzeitig auch Soundalike. Er hatte jahrelang seine Stimme trainiert, um so singen zu können wie der King. Er hatte sein Gitarrenspiel perfektioniert und seine Koteletten waren echt. So echt wie seine Tolle, die er einmal in der Woche nachfärbte und vor seinen Auftritten selbst in Form brachte.

Warum hatte er sich das angetan? Nun, er hatte gedacht, es würde seinen Engagements auf die Sprünge helfen, hier als der beste Lookalike aufzufallen. Allerdings war die Nähe zu diesen Freizeitclowns eher schädlich. Es war eine falsche Entscheidung gewesen. Er sah sich um. Die Zuschauer schienen sich an der Inflation an Elvissen zu erfreuen, aber es war auch viel Schadenfreude dabei.

Immer noch kein Zeichen von Rita. Er konnte auf jeden Fall nicht mehr aus der Nummer raus. Sollte er versuchen zu gewinnen? Nein, auf keinen Fall. Es ging darum, den Schaden zu begrenzen. Irgendwo in der großen Menge ankommen, sich dann schnell irgendwie aus dem Schussfeld der Fotografen entfernen. Auf keinen Fall mit diesen Missgeburten auf ein Siegertreppchen.

Die beiden Idioten, die vor ihm standen, teilten sich noch einen Schluck aus einem Flachmann. Der eine hatte sich ein Aloha Suit gebastelt aus einem Tyvek Overall. Wenn das der King wüsste. Das einzige Zugeständnis, das Heinz gemacht hatte, war ein Paar Laufschuhe gewesen. Der Steamroller Blues war zu Ende. Der Starter hob den Arm mit der Pistole. Die Elvisse stellten sich auf, ein Fuß und ein Arm nach vorne.

Ein letztes Mal schaute Heinz zur Seite, ob Rita ihm vielleicht doch noch zuwinkte. Dann fiel der Schuss und alle rannten los. Heinz sagte sich noch einmal: „Wenn das der King wüsste.“

(279) Schon mehrmals hatte er sich im freien Fall gewendet…

Schon mehrmals hatte er sich im freien Fall gewendet und abwechselnd in den dunklen Nachthimmel oder auf die hell erleuchtete Straße geblickt. Der Boden kam immer näher. Der Aufprall war unvermeidlich.

Armin kniff die Augen zu. Im gleichen Moment war der Fall vorüber. Er öffnete die Augen wieder. Es war recht dunkel, aber er konnte ausmachen, dass er sich mit einem Dutzend anderer Leute in einem Raum mit farbigen pulsierenden Lichtern befand. Er saß auf einer Matratze gegen eine Rauputzwand angelehnt.

Ein Mann mit blondem Schnurrbart drehte die Musik leiser und sagte laut: „Und jetzt ist die Zeit für eines von Eckis Partyspielen. Wir brauchen einen Freiwilligen.“ Alle drehten sich zu Armin und zeigten mit dem Finger auf ihn. Er erkannte keines der Gesichter. „Sehr schön. Dann bring ihn mal nach draußen, Baby.“ Eine Frau in einem engen T-Shirt legte Armin eine Augenbinde um, ergriff seine Hand und zog ihn hinter sich aus dem Raum.

Draußen roch es muffig. Sie drückte ihn an eine unverputzte Wand und küsste ihn auf den Mund, bis die Tür wieder aufging und sie wieder reingingen.

Drinnen sprach Ecki zu ihm. „So, mein Freund. Du musst jetzt drei Dinge erraten, ohne sie zu sehen. Du darfst sie nur mit einem Zeigefinger berühren. Welcher Zeigefinger darf’s denn sein? Rechts oder links?“ – „Rechts“, antwortete Armin, denn er wollte kein Spielverderber sein. Jemand führte ihn an den Schultern und drückte ihn auf die Knie. Unter seinen Knien fühlte er ein weiches Kissen.

Jemand, vielleicht Ecki, hielt seinen rechten Zeigefinger und führte ihn nach vorn. Armin berührte etwas und fuhr mit dem Zeigefinger darüber. „Eine Ananas?“, fragte er. „Das ist richtig“, schrien die anderen zurück. „Hervorragend, mein Freund, das ist große Klasse“, meinte Ecki.

Der nächste Gegenstand war einfacher, ein Korkenzieher. Auch hier wurde ihm applaudiert. Dann steckte jemand seinen Finger zwischen etwas. Es war warm, fühlte sich wie weiche Haut an. Gleichzeitig sehr schlüpfrig, fast schon schleimig. Armin sagte nichts, hörte wie einige ihr Lachen kaum unterdrücken konnten. „Ich weiß es nicht“, sagte Armin und zog den Finger heraus. „Er weiß es nicht. Schade. Aber dann zeigen wir ihm, was es war.“ Seine Augenbinde wurde weggezogen und er sah wie eine Frau vor ihm stand und den Reißverschluss ihrer Hose zuzog. Sie lächelte ihn an. Er sah, die Spuren von Spüli in ihrer Armbeuge. Er lächelte zurück. Die Partyleute grölten. Ecki haute ihm mit der Hand auf die Schulter und stellte die Musik wieder lauter. Aus den Boxen sang Elvis: „I’m a steamroller baby/ I’m ‚bout to roll over you.“

(278) Die Neonröhren flackerten nacheinander…

Die Neonröhren flackerten nacheinander, als ob ein Schauder durch die Betondecke der Tiefgarage lief. Armin sah sich auf einer der untersten Ebenen. Der Raum war leer, auf dem Boden standen Pfützen von schwarzem Wasser, auf deren Oberflächen Ölflecken in Regenbogenfarben schimmerten. Bis auf Wassertropfen, die irgendwo von der Decke fielen, war es still.

Während er überlegte, was er hier sollte, kam am anderen Ende des Raumes plötzlich ein Aufzug an. Das helle Rechteck der Glastür warf ein kaltblaues Licht auf den Betonboden. Er sah einen schwarzen Schatten hinter dem Glasfenster. Die Tür öffnete sich und eine dunkle Gestalt trat heraus. Langsam setzte sie sich in Bewegung, geradewegs auf ihn zu. Armin  zögerte und schaute sich um, wohin er flüchten könnte. Er lief die Rampe hinauf. Als er oben angekommen war, blieb er stehen und sah hinter sich. Doch dann bog auch schon die Gestalt um die Biegung. Mit Entsetzen stellte Armin fest, dass sie ein großes Messer mit Sägezähnen in der Hand hielt. Mit gleichmäßigen Schritten kam sein Verfolger die Rampe hoch.

Armin lief quer über die nächste Ebene, auf die nächste Rampe zu. Dann hinauf. Noch eine Ebene, eine Rampe und dann gleich noch einmal. Es gab keine Markierung, wie tief unter der Erde er noch war und jede Ebene schien wie die vorherige. Jedes Mal wenn Armin innehielt, um zu sehen, ob er seinen Verfolger abgeschüttelt hatte, kam dieser die Rampe hinter ihm hoch. Die Gestalt schien weder außer Atem, noch irgendwie angestrengt. Ihre gleichmäßigen Schritte, die lautlos die schiefe Ebene hochkamen, machten Armin am meisten Angst.

Das Messer hielt der Verfolger mit einem Arm hoch über sich, damit Armin es gut sehen konnte. Durch die Lichtreflexionen sah es manchmal aus, als ob Blut an der Klinge herunter rönne und sich Fleischstücke zwischen den Sägezähnen befänden.

Auf einer Rampe war der Messermann so nahe, dass Armin ihm ins Gesicht sehen konnte. Allerdings war da kein Gesicht, sondern nur eine glatte fleischfarbene Fläche, hinter der man vage eine Nase, ein Kinn und eine Stirn vermuten konnte. Es war ein Nichtgesicht.

Erst im letzten Augenblick konnte Armin seinen Blick abwenden und wieder weglaufen. Sein Herz pochte, es war, als ob es ihm in der Luftröhre steckte und diese verbrannte. Die nächste Ebene, auf der er ankam, hatte keine weitere Rampe nach oben. Armin kam der Gedanke, dass er ganz oben war, nicht tief unter der Erde, sondern hoch darüber.

Vor ihm war eine Tür in der Wand eingelassen. Der Messermann war schon auf zwei Meter an Armin herangekommen. Armin öffnete die Tür und sprang hindurch. Allerdings kam er nicht auf einem festen Untergrund an, sondern fand sich im freien Fall in eine tiefe Straßenschlucht wieder. Er sah zurück. Der Messermann stand in der Tür und sah Armin zu, wie er fiel, das Messer wie triumphierend in die Höhe gereckt.

(277) Für Armin Juhl war es der beste Tag des Jahres.

Für Armin Juhl war es der beste Tag des Jahres. Natürlich waren die Monate zum Jahresende immer profitabler als die anderen. Aber auch daran gemessen war es ein denkwürdiger Tag. Sieben seiner Kunden waren seinem Rat bis zur letzten Nachkommastelle gefolgt und hatten hohe Beträge in Rentenversicherungen investiert. Dabei hatten sie vor allem seine Produktauswahl abgesegnet. Natürlich waren es genau die Produkte gewesen, die für Armin Juhl am profitabelsten waren. Er schätzte seinen langfristigen Gewinn aus diesen Versicherungen auf ca. 173 TEUR.

Trotzdem lag er in der Nacht wieder wach und konnte nicht mehr einschlafen. Er hatte so gehandelt, wie es seinem Trieb entsprach: nur am eigenen Vorteil orientiert. Die Rechnung war aufgegangen und er müsste froh darüber sein. Aber er fühlte sich eingeengt. Er starrte ins Dunkel seines Schlafzimmers. Schweiß stand ihm auf der Stirn. Obwohl seine Provisionszahlen sich immer mehr in Richtung eines persönlichen All Time High entwickelten, fühlte er sich hundsmiserabel.

Juhl beschloss in jener Nacht professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen, bevor seine Performance unter seinen Schlafstörungen leiden würde. Nach achtzehn Monaten Therapie würde er herausfinden, dass er unter dem Zwang litt, ständig seinen eigenen Vorteil zu suchen. Seit seiner Kindheit war er darauf hin konditioniert worden. Die Ausbildung zum Versicherungskaufmann hatte es noch weiter gefördert. Der letzte Schliff war die Zusatzausbildung zum Versicherungsmakler gewesen.

Seitdem war jeder Mensch, der ihm begegnete, ein potenzieller Kunde, den er anwerben musste. Dabei verbot es sein interner Kodex, bei seinen Empfehlungen auf die eigentlichen Bedürfnisse seiner Kunden einzugehen. Durch die Therapie würde Juhl lernen, dass sein Egoismus der Entfaltung seiner Persönlichkeit im Wege stand. Mit anderen Worten: Er musste seine ursprünglichen Ziele infrage stellen, um selber voran zu kommen.

Diese Entdeckung würde ihn später noch stärker in Bedrängnis bringen. Es bedeutete eigentlich, dass er sich selbst neu erfinden musste. Er würde daran scheitern. Weil er seine aufgebaute Persönlichkeit nicht ändern konnte, blockierte er seine weitere Entfaltung. Und weil er wusste, dass sein Egoismus der Entfaltung seiner Persönlichkeit hinderlich war, war er in seiner Arbeit als Versicherungsmakler gehemmt. Er würde in einer ausweglosen Klemme stecken.

Aber das wusste er noch nicht, als er im Bett lag und beschloss, am nächsten Tag in den Gelben Seiten nach einem Psychologen zu suchen. Dieser Entschluss gab ihm Zuversicht und er konnte erst einmal wieder einschlafen.