(249) Der Posten hatte den Capitano schon kommen sehen.

von Alain Fux

Der Posten hatte den Capitano schon kommen sehen. Die schwere Holztür öffnete sich, bevor er klopfen musste. „Genosse“, grüßte er und stieg die Wendeltreppe hinunter in den Keller, dem Hauptquartier seiner Miliz. Unten gab es einen Streit. Sofort, als sie den Capitano sahen, verstummten die streitenden Parteien und man machte ihm Platz in der Mitte unter der schwachen Lampe. „Was ist hier los?“, fragte Capitano streng in die Runde.

Pulcinella, sein Stellvertreter, trat vor und zeigte mit dem Knauf seiner aufgerollten Peitsche auf Horatio, einem älteren Mitglied der Miliz, der von zwei Genossen an den Armen festgehalten wurde. „Was ist mit Horatio?“, fragte Capitano streng.

Pulcinella führte den Knauf unter Horatios Mütze und lupfte sie mit einer kurzen Bewegung vom Kopf des Milizionärs. Alle hielten den Atem an. „Er hat seine Glatze überkämmt“, kommentierte Pulcinella unnötigerweise und zeigte auf den Kopf. Horatio hatte Seitenhaare über seinen Schädel hinweggekämmt, um damit seine kahlen Stellen abzudecken. „Die dritte Regel unserer Miliz lautet: Du sollst sein, wie du bist. Horatio hat dagegen verstoßen und muss bestraft werden“, fuhr Pulcinella fort. „Lasst ihn los. Was hast du zu sagen, Horatio?“, fragte Capitano.

Horatio richtete sich auf, sammelte sich kurz und sprach dann: „Capitano, ich bin einer Eurer ersten Männer in dieser Miliz. Schon lange Jahre kämpfen wir zusammen gegen die Feinde des Proletariats. Aber mit der Zeit bin auch ich älter geworden. Mein Auge und meine Kraft sind immer noch da. Aber ich leide unter Haarausfall. Während alle jungen Leute hier ein prachtvolles Haupthaar vorzuweisen haben, bin ich kahl geworden. Ich leide darunter. Aber ich kann unserer Bewegung noch so viel geben. Ich will ja so sein, wie ich bin. Und das ist mit Haaren.“ Beschämt senkten die Männer ihre Blicke. Horatio sucht nach Unterstützung. Plötzlich rief einer seiner Genossen: „Auch ohne Haare gehörst du zu uns.“ Ein anderer: „Genau. Ich lasse mir auch die Haare scheren. Dann bist du nicht mehr allein.“ Ein dritter: „Ich auch!“ Jetzt war es an Horatio beschämt zu sein und er dankte allen für die Unterstützung.

Capitano hob die Hand hoch und bat um Ruhe. „Ab heute ändern wir unsere dritte Regel. Von jetzt ab heißt sie: Du sollst sein, wie du bist. Und wenn du anders sein möchtest, dann ist das auch in Ordnung, denn du bist halt so.“ Alle Milizionäre schrien Hurra und hätten ihre Mützen in die Luft geworfen, wenn die Decke des Kellers nicht so niedrig gewesen wäre.

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