(245) Leopold Kramer war gerade mit dem Schminken fertig…

von Alain Fux

Leopold Kramer war gerade mit dem Schminken fertig, als Oskar Gabriel, bereits in seiner Verkleidung als Weißclown, in die Garderobe zurückkam. Leopold mimte einen Dummen August namens Poldy. „Noch eine Viertelstunde und dann sind wir dran. Bist du aufgeregt?“ Leopold nickte. „Das wird schon. Wir haben so oft geprobt, das sitzt im Blut. Schlimmer als im Altersheim wird es nicht werden. Vor uns ist übrigens gerade eine Commedia dell’Arte Gruppe dran. Das ist gut, denn die passen nicht so richtig ins Konzept des Wettbewerbs. Im Gegensatz zu uns. Wir sind genau auf der Linie. Ich habe hinter der Bühne die Notizen der Commedia dell’Arte-Leute mit ihrem Ablauf gefunden. Diese Gruppen improvisieren immer, nur der Ablauf steht fest. Sieht etwas langweilig aus. Ich lese mal vor.“ Oskar deklamierte in seiner etwas arroganten Bühnenstimme, was er von einem Zettel ablas: „Pantalone spricht Harlekin an. Er will endlich heiraten und hat die junge Kolombine auserwählt. Weil er sich vom Stand her keine Blöße geben will, soll Harlekin zuerst mit ihr sprechen. Harlekin ist frech und bekommt erst mal ein paar hinter die Ohren. Kolombine kommt herein, Pantalone verlässt die Bühne. Harlekin erzählt Kolombine tolle Dinge über Pantalone, seinen Herrn. Gleichzeitig verliebt er sich in sie. Sie erkennt Harlekins Liebe und sagt ihm, dass sie überlegen muss. Pantalone kommt zurück, Kolombine geht weg. Pantalone macht Druck, weil es ihm nicht schnell genug geht. Harlekin macht wieder Frechheiten und wird noch einmal von Pantalone geschlagen. Kolombine kommt zurück, Pantalone verlässt die Bühne…“ Oskar ließ den Zettel sinken. „Und so geht das in einem fort. Ein ständiges Kommen und Gehen. Viel zu langatmig, zu unruhig. Man braucht Ruhe, um Lachen zu können. Unter Stress geht das nicht. Ehrlich gesagt, finde ich darin so gut wie gar nichts lustig. Es würde mich wundern, wenn diese ‚Zanni & Compagnia‘ viele Lacher hier ernten werden.“

Oskar zerknüllte das Blatt und warf es mit einer grazilen Handbewegung in den Papierkorb. Die Papierkugel sprang auf dem Rand hoch und fiel dann in das Dunkel in der Mitte. Poldy hatte inzwischen seine dicken Handschuhe angezogen und patschte die Hände im Applaus zusammen. Oscar machte einen Diener vor Poldy.

Es klopfte an der Tür. „Noch fünf Minuten bis zu Eurem Auftritt“, sagte eine Stimme dahinter. Oscar und Poldy umarmten sich vorsichtig und spuckten imaginär über die Schulter des Anderen.

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