(244) Wie war denn der Urlaub, Chef?

von Alain Fux

„Wie war denn der Urlaub, Chef?“ Leopold Kramer trug die Kiste mit den Chemikalien in den Keller der Villa. „Ganz in Ordnung. Wetter war gut, lief alles wie geplant. Außer einer Nacht, als ein Verrückter auf mein Zelt fiel. Seine Freundin hatte ihn aus dem Auto geschmissen. Es war so stockduster, dass ich ihn beim mir übernachten ließ. Was für eine schreckliche Nacht. Erst hatte der Typ Albträume, dann sprach er auch noch im Schlaf. Beim ersten Morgengrauen habe ich ihn rausgeschmissen.“

Sie standen jetzt vor dem Pool im Keller. „Das war aber auch eine schreckliche Party“, meinte der Lehrling. Im Pool schwammen ein paar Stühle, auf dem Beckengrund konnte man die Scherben von Bierflaschen sehen und an einer Stelle am Beckenrand waren Blutspuren. Auf der Wasseroberfläche dümpelten Essensreste.

Jürgens stemmte die Hände in die Hüften. „Das ist ja das ganze Programm. Na dann mal ans Werk. Zuerst die Stühle entfernen. Dann mit dem Netz die Scherben heraus fischen und dieses Gedöns auf der Oberfläche. Ich mach schon mal die Analysen.“ Kramer nahm sich die Poolbürste mit dem langen Stiel, an dessen Ende ein Haken angebracht war. Damit zog er die Stühle heran. Jürgens nahm die Packung mit den Teststreifen und maß den pH-Wert des Wassers, anschließend auch den Chlorgehalt. Sein Lehrling fischte jetzt nach den Scherben. „Das ist aber auch eine Sauerei, Chef. Ich glaube, hier schwimmt auch Kotze.“ – „Die Leichen haben sie wohl schon vorher rausgezogen. Zieh Dir Gummihandschuhe an. Und Vorsicht, wenn du die Scherben herausholst.“

Jürgens schüttete Chlorgranulat aus einem Beutel in einen Eimer. Mit einer Plastikschüssel schöpfte er Poolwasser dazu, um das Granulat aufzulösen. „Wie geht es mit den Proben, Leopold?“ Sein Lehrling hatte vor ein paar Monaten ein neues Hobby angefangen: Clowning. Mit einem erfahrenen Clown, den er bei einem Schnupperkurs kennengelernt hatte, studierte er eine Doppelnummer ein. Jürgens konnte sich vorstellen, dass der Junge auch darin gut war. Eigentlich fiel ihm alles leicht zu. „Läuft gut, Chef. Wir hatten ein paar Auftritte. In Altenheimen und so. Die, die nicht eingeschlafen waren, haben uns gut gefunden. Glaube ich.“ Jürgens goss die Chlorbrühe in den Pool. Danach bereitete er eine Ladung Flockungsmittel vor. „Am nächsten Wochenende sind wir bei einem internationalen Clownwettbewerb. Das wird heftig, die sollen ultrastreng sein. Aber wir haben unsere Nummer sehr gut drauf.“ – „Kling gut. Ich drücke dir auf jeden Fall die Daumen.“

Es war Jürgens klar, dass er seinen Lehrling bald verlieren würde, dafür war der Junge zu clever. Aber wenigstens hatte er etwas Solides, worauf er immer zurückgreifen konnte.

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