(236) Die wahrscheinlich beste Zeit seines Lebens hatte Alfons Kringel, als er eine Disco eröffnete, ‚The Spiritual Palace‘.

von Alain Fux

Die wahrscheinlich beste Zeit seines Lebens hatte Alfons Kringel, als er eine Disco eröffnete, The Spiritual Palace. Jeden Abend genoss er es, einmal den Rundgang durch sein Etablissement zu machen. Dabei begrüßte er die Stammgäste, stellte sich Besuchern vor, die zum ersten Mal kamen und die ihm einer Vorstellung wert schienen.

Er hatte auch jeden Grund stolz zu sein. Bei diesem Projekt hatte er endlich aus allen Fehler seines bisherigen Lebens gelernt. Er hatte bisher immer die menschliche Komponente unterschätzt und war dadurch oft gescheitert. Hier arbeitete er sehr hart daran, den richtigen Mix an Besuchern zu erreichen. Zuerst einmal pflegte er den Kontakt zu den B- und C-Prominenten, die wie ein gewaltiges Heer an Arbeitslosen nur auf ihren Einsatz warteten. Sie und die große Menge hielt er in Atem mit einer sich nie wiederholenden Serie von Special Events und von Themenabenden. Schaumparties, Toga Nights, Fetisch Events – all das brachte viel Abwechslung in den Club-Alltag. Und natürlich Sex. Überall gab es Gelegenheiten ungestört (auf Wunsch auch nicht) Sex zu haben. Im Keller hatte Kringel sogar zwei Darkrooms eingerichtet, die für alle Spielarten menschlicher Begegnung ausgerichtet waren, außer auf Konversation.

Bei einem seiner Rundgänge setzte er sich zu einer Frau, deren Mann neben ihr eingeschlafen war. Sein Kopf ruhte auf der Seitenlehne des Ledersofas. Jutta Heidtkamp war gelangweilt und fragte Kringel, was man denn sonst so in seinem Club machen könne. Er bot sich an, ihr alles zu zeigen. Jutta war zum ersten Mal im Spiritual Palace. Ihr Mann, Gernot, war öfters da, daran konnte sich der Eventgastronom erinnern. Nachdem Kringel Jutta an der Bar einen Champagner spendiert hatte, sagte er ihr, dass die weitere Visite sie vielleicht überfordern würde. Jutta antwortete, dass sie unbedingt die Darkrooms sehen wollte. Kringel erklärte ihr, dass einer davon nur für Männer sei, er ihr den anderen aber gerne zeigen werde. Dort war viel los. Als einer der männlichen Teilnehmer nach Juttas Hand griff, wollte Kringel für sie ablehnen, aber sie hielt ihn davon ab. Sie tauchte ab in den wilden Strom von nackten, schweißglänzenden Leibern. Nach und nach wurden ihre Kleidungsstücke ans Ufer gefördert und Kringel konnte ihren Körper manchmal in dem Gewimmel erkennen. Drei Männer konzentrierten sich auf sie und sie schien zu genießen, was sie taten.

Plötzlich riss jemand Kringel an der Schulter herum. Es war Gernot Heidtkamp, der betrunken und zornig aussah. „Wo ist meine Frau?“, schrie er. Einige Zuschauer dachten, es wäre eine lustige Einlage und lachten. Dann versuchte Heidtkamp sich einen Weg zwischen den Körpern zu bahnen und zog an verschiedenen Extremitäten, um seine Frau zu finden. Kringel hielt ihn fest und sagte: „Herr Heidtkamp, lassen Sie es gut sein.“ Der festgehaltene Heidtkamp wandte sich um und schlug Kringel seine Faust ins Gesicht, bevor beide taumelten und in die Masse nackter Leiber umfielen.

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