(229) Stahlberg wartete an der Ecke und sah Stollberg fragend an.

von Alain Fux

Stahlberg wartete an der Ecke und sah Stollberg fragend an. Stollberg grinste. „Wir haben die Ware. Ab ins Hotel.“ Die Pension „Zur ruhigen Kugel“ als Hotel zu bezeichnen, war sehr anmaßend. Die beiden Industriespione lebten in einem kleinen Zimmer mit zwei Betten in einer Absteige.

Die Pension befand sich in einem dunklen Hinterhaus und wurde von Edeltraud Kugel geführt, der Witwe des vorherigen Besitzers. Kurz nach seinem Tod hatte sich die Bank die Immobilie vereinnahmt und Frau Kugel aus humanitären Gründen als Geschäftsführerin behalten. Sie versuchte die labile Stabilität des Etablissements zu bewahren, aber eigentlich ging es immer mehr bergab.

Das Zimmer der Industriespione hatte ein vergittertes Fenster zum Lichtschacht des Hauses und einer der Vormieter hatte die Wände mit glänzendem, fliederfarbenem Lack gestrichen. „Hier wird uns keiner finden“, hatte Stollberg gesagt, als er Stahlberg die Pension zum ersten Mal zeigte. „Man muss stark sein, um in diesem Zimmer nicht zum Serienmörder heranzureifen“, hatte Stahlberg geantwortet.

Da Industriespione aber keine repräsentativen Räumlichkeiten brauchten und die beiden Herren ihren Beruf an diesem Ort nur für eine gewisse Zeit ausüben wollten, war es in Ordnung, erst einmal in der ‚Ruhigen Kugel‘ zu residieren. Frau Kugel empfing sie in der Lobby, wie sie es nannte. Sie stand unter ihrem Perser, wie sie das mottenstichige Teppichteil nannte, das sie an die Wand hatte hängen lassen. Damit es nicht am Boden abnutzt, war die Begründung gewesen. Wenn Frau Kugel irgendeine Meinung zu Stahlberg und Stollberg hatte, so gab sie nichts davon preis. „Guten Abend, die Herren.“ – „Guten Abend, Frau Kugel“, antworteten beide gleichzeitig.

Oben im Zimmer riss Stahlberg das Fenster auf, um die feuchte, klamme Luft aus dem Zimmer zu vertreiben. Stollberg nahm den Laptop aus seinem Versteck hinter der Heizung und fuhr ihn hoch. Dann steckte er den Stick an den Anschluss und schaute sich mit Stahlberg, der ihm über die Schulter schaute, die Dateien auf dem Stick an. „Sieht gut aus. Der Mann hat ausgezeichnete Ware geliefert, Herr Stollberg.“ – „Sehe ich auch so, Herr Stahlberg. Wir können ihn auszahlen.“ – Ich fange mit dem Hochladen an. Danach können wir uns im Aufenthaltsraum eine Erfrischung gönnen.“ – „Eine sehr gute Idee, Herr Stahlberg.“ – „Wie sieht denn unsere aktuelle Auftragslage aus, Herr Stollberg?“ – Sehr dürftig, Herr Stahlberg.  Dr. Bouché vom Fraunhofer Institut hat uns wieder kontaktiert, aber nachdem die Sicherheitsmaßnahmen dort so sehr gesteigert wurden, sollten wir darauf verzichten. Außerdem habe ich den Eindruck, dass Dr. Bouché langsam dem Wahnsinn verfällt. Wir könnten Urlaub machen und uns einen Tapetenwechsel gönnen.“

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