Tilt Shift Panoptikum

Fiktion. Eine Vielzahl von Geschichten, die miteinander verknüpft sind. Alain Fux.

Monat: Oktober, 2016

(256) Hallo, bin ich im Dezernat Organisierte Kriminalität?

„Hallo, bin ich im Dezernat Organisierte Kriminalität? Es geht um den Bankeneinbruch vor drei Tagen. Nein, meinen Namen möchte ich nicht nennen. Ich habe eine Frage, rein theoretisch. Nehmen wir einmal an, einer der Bankräuber hätte etwas gekauft und der Händler könnte der Polizei helfen, die ganze Bande festzunehmen. Was würde mit dem Geld passieren, das der Händler eingenommen hat? Beschlagnahmt? Aha. Und mit dem Fahrzeug, ich meine mit der Ware? Auch beschlagnahmt? Aha. Gibt es denn eine Belohnung, die man bekommen könnte, wenn das Verbrechen aufgeklärt werden würde? EUR 20.000? Aha. Danke für die Auskunft. Nein, das war nur theoretisch. Es hat mich einfach interessiert. Ich habe sonst nichts zu sagen. Ich verstehe Sie jetzt sehr schlecht. Hallo, hallo?“

Der Anrufer unterbrach die Verbindung. Kommissar Krips legte ebenfalls auf und dachte nach. Dann griff er wieder zum Hörer und drückte auf eine Wähltaste. „Hallo, hier Krips. Bitte veranlassen Sie Folgendes: Anfrage an alle Bankfilialen im Großraum. Welcher Autohändler hat eine große Menge an Geldscheinen kleinerer Stückelung deponiert? Zeitraum die letzten zwei Tage. Bitte auch um Meldung, wenn es in den nächsten Tagen erfolgen sollte. Danke.“

Bereits nach fünf Stunden kam die Antwort von einer Bank, dass ein Autohändler namens Winkelmann gestern knapp 30.000 Euro in 5, 10 und 20 Euro-Scheinen deponiert habe. Krips setzte sich ans Steuer und fuhr hin.

Als er Winkelmann gegenübersaß, erkannte Krips die Stimme. Er gab Winkelmann die Alternative zu kooperieren oder wegen Strafvereitelung festgenommen zu werden. Der Autohändler knickte schnell ein. Er zeigte Krips alle Unterlagen, die er aus dem Verkauf an Ramiro hatte. Krips beorderte sofort ein Spezialeinsatzkommando zu Ramiros Adresse und gab vorsorglich den Jaguar XKR zur Fahndung frei.

Er traf das SEK eine halbe Stunde später unweit von Ramiros Wohnung zu einer ersten Besprechung. Kurz darauf meldete ein Spähposten, dass der XKR gerade in die Einfahrt des Hauses fuhr und ein einzelner Mann ausstieg und ins Haus ging. Krips beschloss, das Haus so schnell wie möglich zu stürmen. Innerhalb einer Viertelstunde waren die Leute des SEK in Position und begannen mit der Erstürmung. Fünf Minuten später bekam Krips per Sprechfunk die Meldung, dass Ramiro festgenommen sei und die Lage gesichert. Bei einer Durchsuchung von Ramiros Wohnung fand Krips die letzte von Ramiro angerufene Nummer und ließ den Besitzer ermitteln. Noch am gleichen Abend erhielt Sampo ebenfalls Besuch von einem SEK. In der Befragung gab Ramiro Tyrones Namen zu Protokoll. Eine Durchsuchung bei Tyrone förderte die Namen der weiteren Beteiligten zutage.

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(255) Die unbekannten Täter drangen am Wochenende in einen der Tresorräume der Bank ein.

„Die unbekannten Täter drangen am Wochenende in einen der Tresorräume der Bank ein. Dazu hatten sie über längere Zeit einen 97 Meter langen Tunnel gegraben. Nach Angaben der Polizei ist der Tunnel mit Holz und Plastik ausgekleidet und sogar mit elektrischem Licht beleuchtet. Zwar gingen die Bankräuber mit größter Präzision vor, allerdings hätten sie in dem danebenliegenden Tresorraum eine ungemein höhere Beute gefunden. Während in dem geplünderten Raum nur Münzen und kleine Stückelungen gelagert wurden, befanden sich direkt daneben die Banknoten der großen Stückelungen.“

Ramiro wurde übel und er schaltet den Fernseher aus. Er griff zum Hörer und rief entgegen der Absprachen Sampo an. Dieser hatte auch die Reportage gesehen und war ganz kleinlaut.

„Wie konnte das passieren?“, fragte Ramiro. „Es ist meine Schuld. Ich habe einfach zu klein gedacht. Deshalb zeigte das Artefakt kleine Scheine. Wäre ich mutiger gewesen, hätte es den anderen Tresorraum gezeigt. Scheiße gelaufen. Aber viel Geld ist es auf jeden Fall. Und jetzt reden wir erst einmal nicht mehr, verstanden?“ Sampo legte auf.

‚So ein Schwachkopf‘, dachte Ramiro. Vor ihm lagen die Scheine, die er in seiner Hose herausgeschmuggelt hatte. Mehrere dicke Bündel, die nach einem höheren Wert aussahen, als sie wirklich darstellten. Ramiro packte das Geld in eine Umhängetasche und verließ die Wohnung. Mit dem 103er Bus fuhr er zu einem Autohändler, dessen Ausstellungsräume er in den letzten Wochen schon mehrmals besucht hatte.

Als er ankam stand der silbermetallicfarbene Jaguar XKR Silverstone immer noch im Schaufenster. 59.000 km auf der Uhr. 29.475 Euro. Das entsprach 349 Banknoten von 20 Euro plus 2.111 Banknoten von 10 Euro plus 277 Banknoten von 5 Euro. In Summe genau der Inhalt von Ramiros Umhängetasche. Das Geld im Rucksack wog fast zwei Kilo und nebeneinander gelegt stellten die Bündel eine Länge von etwa 41 cm dar. Lukas Winkelmann, der Autohändler machte ein verdutztes Gesicht, als Ramiro die gebündelten Banknoten auf den Schreibtisch legte. „Ich habe mein Sparschweinchen geschlachtet.“ – „Kein Problem“, entgegnete Winkelmann und rief seine Sekretärin herein, um ihm beim Zählen zu helfen.

Der Betrag stimmte. Ramiro bekam die Autopapiere, die Schlüssel und einen Händedruck vom Autohändler. Er setzte sich in den Jaguar und ließ den Motor an. Mit einem dröhnenden Motorengeräusch und leichtem Reifenquietschen fuhr er vom Grundstück des Autohändlers auf die Straße.

(254) Sampo schickte Ramiro zwei Meter zurück in den Tunnel…

Sampo schickte Ramiro zwei Meter zurück in den Tunnel, bevor er den Lederkoffer aus der Plastiktüte zog und öffnete. Er konzentrierte sich auf sein mentales Bild von Geld und beobachtete das Artefakt. Ja, genau hier war der richtige Punkt. Er steckte den Koffer weg und sagte: „Hier ist der richtige Punkt. Genau hier soll der Mann mit der Betonsäge ansetzen.“

Stunden später war der Durchbruch geschafft. Sampo zwängte als erster seine breiten Schultern durch das enge Loch nach oben. Tyrone reichte ihm eine Lampe. „Hier sind wir richtig“, murmelte Sampo, als er im Lichtschein die Metallschränke anleuchtete. Tyrone stellte mehrere weitere Lampen auf und leuchtete den ganzen Raum aus. Ramiro und die anderen kamen auch hoch. „OK Jungs“, sagte Sampo, „wir hebeln erst einmal alle Schränke auf, um eine Idee zu haben, was wir mitnehmen wollen. Alles schaffen wir nicht, wir werden uns auf die größeren Scheine konzentrieren.“

Ramiro teilte Brecheisen aus und sie verteilten sich im Raum. Nach zwanzig Minuten war die Luft in dem Tresorraum schweißfeucht und die Männer keuchten vor Anstrengung. Jeder Schrank für sich genommen stellte keine Herausforderung dar, aber es waren sehr viele Schränke gewesen. Sampo ging mit einer Liste herum und notierte grob, was in den einzelnen Schränken war. Zunehmend verdüstere sich sein Gesicht. Viele der Schränke enthielten Rollengeld, das nicht zu transportieren war. In den anderen fanden die Räuber Papiergeld, allerdings nur in den kleinsten Stückelungen.

„Wir haben ein logistisches Problem“, verkündete Sampo. „Wir hätten doch einen LKW gebraucht, außerdem mehr Leute, um die Kohle durch den Tunnel zu schaffen.“

Die Teambesprechung der Räuber ergab keine besonderen Geistesblitze. „Wir müssen halt so schnell wie möglich arbeiten und versuchen eine zweite Fahrt mit dem Lieferwagen durchzuführen. Sonst sehe ich nichts.“ Der Abtransport der Beute war anstrengender als die Grabung des Tunnels. Dabei hatten sie sich Zeit lassen können. Durften wegen des Lärms auch nicht zu schnell graben. Jetzt konnte es nicht schnell genug gehen. Nach und nach ergaben sich eine Arbeitsteilung und ein ausbalancierter logistischer Prozess.

Dann allerdings war die Zeit um, sie mussten einen Großteil der Beute zurücklassen. Bevor er als Letzter den Tresorraum verließ, stopfte sich Ramiro Bündel von Geldscheinen in die Cargohose, die Jacke, die Socken und unter den Pullover. Der Betonbohrer war als erster weg gewesen. Von den anderen nahm jeder einen Teil der Werkzeuge in seiner Sporttasche mit, um sie später zu entsorgen. Die Männer verabredeten sich in fünf Tagen, um die Beute aufzuteilen.

(253) Das war ein Schnäppchen?

„Das war ein Schnäppchen?“ Sampo würdigte Tyrone keines Blickes und schloss den kleinen Lederkoffer in den Metallschrank ein. „Wir werden mit dem Artefakt große Dinge unternehmen, Tyrone.“ – „Ja, Sampo?“ – „Ich wollte schon immer in diese Bank einbrechen, aber ich wusste nicht wo der Tunnel enden sollte. Jetzt werden wir es herausfinden. Ja, du hast recht, es war ein Schnäppchen. Diese Dummköpfe.“ Tyrone setzte sich auf die Ruderbank. Sampos Büro bestand eigentlich nur aus Fitnessgeräten. Für jede Muskelgruppe gab es spezielle Apparate.

Sampo zog sein Hemd aus und schaute seinen muskelbepackten Oberkörper in dem halb erblindeten Spiegel an. Er flexte einen Bizeps und prüfte die Beule mit der anderen Hand. Die Prozedur wiederholte er auf der anderen Seite. Er öffnete den Metallschrank noch einmal und holte ein Holzkästchen heraus. Daraus entnahm er eine Flasche mit einer gelblichen Flüssigkeit und eine Spritze. Mit Alkohol desinfizierte er die Kanüle und stach sie durch den Gummideckel in die Flasche, zog sie auf. „Synthol, ein Geschenk der Götter“, sagte Sampo. „Drei cc in jeden Bizeps und schon ist die Welt ein besserer Ort.“

Nachdem er sich die zwei Injektionen gesetzt hatte, drehte er sich zu Tyrone. „Wie sieht das aus? Alles gleichmäßig? Passt das?“ Tyrone sprang auf und beschaute Sampo aus allen möglichen Blickrichtungen. Dabei kniff er zeitweise ein Auge zu. „Alles perfekt, Sampo? Bewundernswert? Was für unglaubliche Muskeln?“ – „Hör auf zu schleimen, Tyrone. Du behandelst deinen eigenen Körper wie ein Stück Scheiße. Du hast keinen Sinn dafür. Setz dich wieder hin. Wir kommen zum Geschäft.“

Sampo nahm in der Butterfly-Maschine Platz und presste mit den Armen die Hebel zusammen. „Wir müssen jetzt die Mannschaft zusammen trommeln. Schreib mit. Wir brauchen vier Leute zum Tunnelgraben. Sollen kurz, kräftig und zäh sein. Am besten, sie brauchen keinen Sauerstoff… Das war ein Scherz“, fügte er hinzu, als er merkte, dass Tyrone auch das notierte. „Dann: einen Mann mit LKW-Führerschein, um die Erde wegzuschaffen. Vergiss den LKW-Führerschein, zu auffällig. Dann noch einen, der Beton sägen kann. Kritische Rolle, die Platte wird ziemlich dick sein. Sägen oder bohren, was weiß ich. Es ist auf jeden Fall kein Honig, sondern Stahlbeton. Du suchst dir die Leute aus, sagst aber nicht, worum es geht. Ich will mit den Jungs zuerst selbst reden. Rekrutier erst einmal mehr, als wir brauchen, dann haben wir eine Auswahl und müssen nicht jeden nehmen, weil wir nicht anders können. Soweit klar, Tyrone?“ – „Alles perfekt, Sampo?“ – „Vermassle es nicht, Tyrone. Das ist unsere Chance für ein Plätzchen an der Sonne!“

(252) Als Capitano und Horatio durch die Hauptstraße gingen…

Als Capitano und Horatio durch die Hauptstraße gingen, kam ihnen Ruthenisches Salzkraut entgegengerollt. Die Stadt schien ausgestorben. Niedrige Häuser mit blinden Fensterscheiben waren durch verwahrloste Vorgärten von der Straße abgetrennt und duckten sich weg. Stromleitungen schwangen im Wind zwischen den Masten und sirrten dabei leise. Sonst war es still.

„Was suchen wir hier?“, flüsterte Horatio. Er erschrak, als Capitano in normaler Lautstärke antwortete: „Wir suchen ein neues Leben. Zumindest einen neuen Anfang.“ Es schien Horatio aussichtslos, in dieser Einöde irgendetwas Neues zu entdecken. Als er das Capitano sagen wollte, bedeutete dieser ihm, zu schweigen, und zeigte auf einen Menschen, der etwa hundert Meter entfernt an einer Laterne lehnte.

Sie näherten sich vorsichtig und erkannten, dass es ein Mann war, der ein dunkles, durchsichtiges T-Shirt anhatte, auf dem weiße Knochen aufgemalt waren. Auf dem Kopf trug er eine Baseballkappe. Als er sie ankommen sah, öffnete sich sein Vollbart und er zeigte zwei unvollständige gelbe Zahnreihen. „Hallo Freunde?“, rief er ihnen mit einer krächzenden Stimme zu. „Hallo“, antwortete Capitano zurückhaltend, „wer bist du?“ – „Ich bin Tyrone?“ Tyrone schien die Angewohnheit zu haben, bei jedem Satzende die Stimme zu heben, als ob er eine Frage stellte. „OK, Tyrone. Vielleicht kannst du uns helfen.“ – „Was sucht ihr denn? Drogen? Frauen?…“ Capitano winkte ab. „Wir suchen jemand, der besondere Dinge kauft.“ – „Was denn genau? Heiße Ware?“ – „Vielleicht. Es ist ein ungewöhnliches Ding. Es findet alles, was man sucht. Man braucht nur daran zu denken.“ „Ha, ha?“, Tyrone lachte mit weit geöffnetem Mund. „Ihr seid Scherzkekse? Torwald hatte recht?“ Capitano stellte sich hinter Horatio und sagte ihm, dass er den Rücken rund machen sollte. Dann stellte er den Koffer auf Horatios Buckel. Er erschien Horatio schwerer als erwartet. Er hörte die Verschlüsse aufschnappen. „Was ist das denn?“, Tyrone trat einen Schritt vor, aber Capitano musste ihn angehalten haben. „Was du möchtest, befindet sich in deiner linken hinteren Hosentasche“, sagte Capitano mit ruhiger, aber eindringlicher Stimme. „Ja, das stimmt? Meine Zigaretten? Ich wollte mir gerade eine anzünden?“ Horatio hörte das Schrappen eines Streichholzes und roch dann den verbrannten Tabak. „Das war nicht schlecht? Ich denke mir jetzt etwas Komplizierteres aus und du musst es für mich finden?“ Der Koffer klappte zu und die Verschlüsse klickten. „Das wird nicht gehen, fürchte ich.“ Die Last wurde von Horatios Rücken genommen und er sah, wie Capitano den Koffer zwischen seinen Füßen auf die Erde stellte. Horatio richtete sich wieder auf. „Die Frage ist: Wer kauft hier? Führ uns zu ihm.“ Tyrone schien zu schmollen. „Bitte“, fügte Capitano hinzu. Tyrone antwortete: „Sampo?“

(251) Aus dem Industriegebiet waren sie in die Steppe geflüchtet.

Aus dem Industriegebiet waren sie in die Steppe geflüchtet. In den hohen Gräsern konnten sie sich verstecken, bis ihre Verfolger von der Suche abließen. Auch der eingesetzte Hubschrauber hatte sie nicht entdecken können. Nachts gingen sie weiter. Capitano schien einen Plan zu verfolgen, den Horatio aber nicht erfragte. Das Wasser war knapp, aber immer, wenn sie dachten, dass es nicht mehr weitergehen konnte, fanden sie eine Wasserstelle. Capitano trug den kleinen Lederkoffer immer bei sich. Horatio durfte ihn nicht einmal berühren. Manchmal schaute Capitano hinein und schien sich an dem goldenen Schimmer zu erfreuen. Auch daran ließ er Horatio nicht teilnehmen. Capitano schärfte seinem Begleiter ein, dass er niemandem gegenüber das Artefakt erwähnen durfte. Das war für Horatio nicht schwierig, denn sie trafen niemand, dem er sich hätte mitteilen können. Er hatte den Eindruck, dass sich Capitano in der Einöde von dem Artefakt leiten ließ.

Nach drei Tagen kamen sie in eine Gegend mit niedrigen Birkenwäldern, kurz darauf fanden sie eine Staubstraße, der sie folgten. Schließlich gelangten sie zu einem Mann, der mitten auf der Straße in einem braunen Ohrensessel saß. Er hatte einen nackten Oberkörper, trug einen grünen Hut mit rotem Federbusch, eine Sonnenbrille und eine kurze Hose. In der Hand hielt er eine Bierdose, aus der er trank.

„Ich bin Torwald, der Hüter des Town of Strange People. Wer seid ihr?“, fragte er. Capitano stellte sich und Horatio vor. „Was wollt ihr hier?“, fragte Torwald weiter. „Wir suchen unsere Bestimmung“, antwortete Capitano. Horatio hielt sich zurück und beobachtete die Umgebung. „Die suchen viele. Warum soll Eure Bestimmung gerade hier auf Euch warten?“ – „Weil das göttliche Licht uns hierher geführt hat.“ Torwald trank die Büchse aus und warf sie ins Gestrüpp. Als sie aufschlug rülpste er laut. „Ihr habt einen an der Waffel“, beschied er, „deshalb seid Ihr hier möglicherweise richtig. Ihr könnt weitergehen. Willkommen im Town of Strange People.“

Als sie weitergingen, kamen sie hinter einer Biegung zu einem großen Schild.

‚Town of Strange People.
Höhe über dem Meeresspiegel: Hängt von der Einwohnerzahl ab.
Einwohnerzahl: Hängt von der Höhe über dem Meeresspiegel ab.
Sonnenaufgang: Hängt von der Zeit ab.
Sonnenuntergang: Hängt vom Sonnenaufgang ab.
Feinstrukturkonstante: 137.‘

Horatio schaute zu Capitano und murmelte lautlos: „Was soll bloß aus uns werden?“

(250) Schon seit Jahren waren Capitano und seine Leute einem Artefakt auf der Spur.

Schon seit Jahren waren Capitano und seine Leute einem Artefakt auf der Spur. Damit, so hatte Capitano herausgefunden, konnte der Besitzer die kommunistische Weltrevolution auslösen. An die Existenz des Artefakts und dessen Kraft zu glauben, war in der Miliz die Regel Nummer eins.

Der Capitano hatte eine gute Nachricht: „Leute, ich habe jetzt einen sicheren Hinweis erhalten, wo sich das Artefakt befindet. Ein Kundschafter hat den Ort bestätigt. Wir fahren jetzt sofort los. Macht Euch bereit!“ Wieder gab es ein großes Hurra und innerhalb von fünf Minuten waren die Milizionäre in ihrem Minibus zum Einsatzort unterwegs. Capitano führte sie in ein Industriegebiet und dann zu Fuß weiter zu einer scheinbar verlassenen Fabrikhalle.

Es gab nur einen Eingang, hatte Capitano berichtet, ein großes Schiebetor. Darüber stand in großen Lettern: ‚Tartaglia. Antiquitäten aller Art‘. „Wir gehen alle gemeinsam rein, außer Horatio. Du bleibst hier und hältst uns den Rücken frei.“

Das Schiebetor war offen und so gingen sie durch den Vorraum in ein riesiges Lager mit meterhohen Regalen, vollgestopft mit altem Krimskrams. An einem der Regale stand ein Mann, der einen roten Fez auf dem Kopf trug. „Hände hoch, Tartaglia!“, sagte Capitano mit dramatischer Stimme. „Wir sind hier um das Artefakt zu holen. Kooperiere und es wird dir nichts geschehen.“

Der Mann am Regal hob die Hände. Er hatte ein vernarbtes Gesicht mit einem unregelmäßigen Vollbart. Als er grinste zeigte er seine Goldzähne. „Capitano. Ich habe auf Sie gewartet. Willkommen. Was sie suchen steht vor ihnen auf dem Tisch.“ Als Capitano den kleinen Lederkoffer vom Tisch nahm, schauten alle Milizionäre auf ihn. Der Mann im Fez lachte und legte einen großen Schalter um, der am Regal befestigt war. Im gleichen Augenblick kam Horatio hereingestürmt, griff Capitano am Kragen und zog ihn mit unmenschlicher Kraft durch den Ausgang hinaus. „Es ist eine Falle!“, keuchte er noch, als die Bombe im Büro explodierte. Die beiden Männer wurden von der Wucht der Explosion hinauskatapultiert.

Die Fabrikhalle stand in Flammen. Weder der Mann mit dem Fez noch einer der Milizionäre hatten überlebt. Capitano setzte sich auf. In der Hand hielt er immer noch den Koffer. Er setzte ihn vorsichtig auf die Erde und öffnete ihn. Ein goldener Schein traf seine Augen. „Das Artefakt! Wir haben es.“ – „Wir müssen fliehen“, sagte Horatio, „Drei Autos kommen dahinten. Sonst sind wir auch dran.“ – „Woher wusstest du?“ – „Ich habe meine Haare gekämmt und sah im Spiegel, wie ein Typ mich vom Gebäude drüben beobachtete.“ – „Wo ist er?“ – „Er ist tot, Capitano. Wir müssen los.“

(249) Der Posten hatte den Capitano schon kommen sehen.

Der Posten hatte den Capitano schon kommen sehen. Die schwere Holztür öffnete sich, bevor er klopfen musste. „Genosse“, grüßte er und stieg die Wendeltreppe hinunter in den Keller, dem Hauptquartier seiner Miliz. Unten gab es einen Streit. Sofort, als sie den Capitano sahen, verstummten die streitenden Parteien und man machte ihm Platz in der Mitte unter der schwachen Lampe. „Was ist hier los?“, fragte Capitano streng in die Runde.

Pulcinella, sein Stellvertreter, trat vor und zeigte mit dem Knauf seiner aufgerollten Peitsche auf Horatio, einem älteren Mitglied der Miliz, der von zwei Genossen an den Armen festgehalten wurde. „Was ist mit Horatio?“, fragte Capitano streng.

Pulcinella führte den Knauf unter Horatios Mütze und lupfte sie mit einer kurzen Bewegung vom Kopf des Milizionärs. Alle hielten den Atem an. „Er hat seine Glatze überkämmt“, kommentierte Pulcinella unnötigerweise und zeigte auf den Kopf. Horatio hatte Seitenhaare über seinen Schädel hinweggekämmt, um damit seine kahlen Stellen abzudecken. „Die dritte Regel unserer Miliz lautet: Du sollst sein, wie du bist. Horatio hat dagegen verstoßen und muss bestraft werden“, fuhr Pulcinella fort. „Lasst ihn los. Was hast du zu sagen, Horatio?“, fragte Capitano.

Horatio richtete sich auf, sammelte sich kurz und sprach dann: „Capitano, ich bin einer Eurer ersten Männer in dieser Miliz. Schon lange Jahre kämpfen wir zusammen gegen die Feinde des Proletariats. Aber mit der Zeit bin auch ich älter geworden. Mein Auge und meine Kraft sind immer noch da. Aber ich leide unter Haarausfall. Während alle jungen Leute hier ein prachtvolles Haupthaar vorzuweisen haben, bin ich kahl geworden. Ich leide darunter. Aber ich kann unserer Bewegung noch so viel geben. Ich will ja so sein, wie ich bin. Und das ist mit Haaren.“ Beschämt senkten die Männer ihre Blicke. Horatio sucht nach Unterstützung. Plötzlich rief einer seiner Genossen: „Auch ohne Haare gehörst du zu uns.“ Ein anderer: „Genau. Ich lasse mir auch die Haare scheren. Dann bist du nicht mehr allein.“ Ein dritter: „Ich auch!“ Jetzt war es an Horatio beschämt zu sein und er dankte allen für die Unterstützung.

Capitano hob die Hand hoch und bat um Ruhe. „Ab heute ändern wir unsere dritte Regel. Von jetzt ab heißt sie: Du sollst sein, wie du bist. Und wenn du anders sein möchtest, dann ist das auch in Ordnung, denn du bist halt so.“ Alle Milizionäre schrien Hurra und hätten ihre Mützen in die Luft geworfen, wenn die Decke des Kellers nicht so niedrig gewesen wäre.

(248) Pantalone ist verbraucht, am Ende.

„Pantalone ist verbraucht, am Ende. Genauso wie das System, das er vertritt. Er ist ein Bourgeois, nur auf den eigenen Profit bedacht.“ Der Capitano marschierte mit großen Schritten so schnell, dass Kolombine Mühe hatte, ihm zu folgen.

„Um es mit Marx zu sagen: Pantalone hat kein anderes Band zwischen Mensch und Mensch übrig gelassen, als das nackte Interesse.“ Kolombine warf ein: „Ja, es gibt ja auch noch die Liebe.“ – „Genau, was wir aber brauchen, ist die Liebe zur Revolution! Denn wir haben nichts zu verlieren als unsere Ketten. Und dann wird er seine Beine in die Hände nehmen müssen, der Herr Pantalone.“

Kolombine griff nach Capitanos Hand und blieb stehen. Er hielt an und drehte sich zu ihr. „Was ist los? Du hast doch kein Mitleid mit dem Schmarotzer, oder?“ – „Du machst mir Angst, Capitano. Warum hast du mich gerettet, wenn du nichts für mich empfindest?“ Capitano entwand sein Handgelenk aus ihrem Griff. „Ich wollte nur nicht, dass der alte Bock dich bekommt. Für Liebe haben wir keine Zeit. Wir müssen alle Türen und Fenster aufreißen. Wir brauchen den frischen Wind der Erneuerung.“ Er marschierte wieder los, Kolombine folgte ihm. „Wo eilen wir hin?“, fragte sie ihn. „Ich habe ein Treffen mit der Miliz, meinen Leuten. Was du machst, weiß ich nicht. Aber versuche nicht, meine Männer vom Kämpfen abzuhalten. Unser Kampf wird einen hohen Blutzoll verlangen, aber es ist ein gerechter, ein notwendiger Kampf.“ – „Warum muss es mit Blut ausgetragen werden? Kann man nicht einfach reden?“

Capitano blieb stehen. „Jeder Staat wird auf Gewalt gegründet. Und um die Ungerechtigkeit zu beseitigen, braucht man ebenfalls Gewalt.“ – „Du klingst auch nicht anders als die. Kampf, Blut, Opfer… Pantalone hat mir wenigstens ein schönes Leben versprochen.“ – „Pah, als sein Maskottchen, was? Als eine Arbeitskraft für seine emotionalen Bedürfnisse, als sein Flittchen…“ Kolombine schlug ihm mit der Hand ins Gesicht. Blitzschnell schlug Capitano Spavento so fest zurück, dass Kolombine kurz aufschrie und sich dann den Kiefer hielt.

„Niemand schlägt den Capitano. Auch du nicht. Ich möchte nicht, dass du mit mir kommst. Du bist keine gute Motivation für meine Männer. Warum gehst du nicht zu Harlekin? Er ist zwar ein Opportunist, aber er ist den Proletariern näher als man denkt. Irgendwann wird es ihm auch selbst klar werden. Warum gehst du nicht zu ihm und gebärst ihm starke Kinder, die unseren Kampf gegen die Bourgeoisie unterstützen können? Vergeude deine Zeit nicht mit mir. Ich bin mit der Waffe verheiratet.“ Damit stürmte er voran und ließ Kolombine hinter sich zurück.

(247) Kolombine stand in der Mitte von Pantalones großem, karg eingerichtetem Wohnzimmer…

Kolombine stand in der Mitte von Pantalones großem, karg eingerichtetem Wohnzimmer und sah unglücklich aus. Harlekin, der sie gebracht hatte, stand in der Tür zum Flur und gestikulierte in Richtung Pantalone.

„Entschuldigen Sie, mein Kind, ich bin bald wieder da“, entschuldigte sich Pantalone und drängte Harlekin in den Flur, die Tür hinter sich schließend. Er sagte Harlekin, dass er den Lohn für seine Arbeit in bar bekommen würde. Nachher und bis dahin solle Harlekin unten in der Diele warten.

„Dieser Harlekin will immer im Mittelpunkt stehen“, sagte er bedauernd, als er wieder vor Kolombine stand. „Dieses, mein Kind, ist eines meiner Häuser. Ich besitze noch einen Landsitz, wo ich den Sommer zu verbringen pflege sowie ein kleineres Haus in den Bergen und eine Villa am Meer. Um es direkt anzusprechen: Ich bin wohlhabend. Und den gleichen Wohlstand kann ich Dir, ich darf Dich doch duzen, mein Kind, auch bieten. Ich weiß, dass du kein einfaches Leben hattest. Du hast schon als junges Mädchen hart arbeiten müssen und das hat sich bis heute nicht geändert. Aber jetzt biete ich dir die Möglichkeit, eine neue Lebensphase anzufangen. Du wirst niemals wieder arbeiten müssen, denn du wirst selbst Bedienstete haben. Du wirst auch niemals mehr einkaufen gehen müssen.“ – „Aber ich gehe gerne einkaufen, Herr Pantalone!“ – „Künftig werde ich das alles für dich übernehmen.“ – „Aber was soll ich denn die ganze Zeit machen?“, fragte Kolombine.

„Nun, mein Kind, du könntest deinen Wohltäter bewundern und ihm mit freundlichen Worten und Taten deine Zuneigung zeigen. Mehr braucht es nicht.“ Als er diese Worte ausgesprochen hatte, schepperte es laut im Zimmer und eine der Glasscheiben aus dem großen vorderseitigen Fenster lag zerbrochen auf dem Holzboden. Inmitten der Scherben lag der faustgroße Stein, der durch das Glas geflogen war.

Pantalone trat an das Fenster und schaute hinunter auf die Straße. Dort stand Capitano Spavento und zielte mit seinem Degen auf Pantalones Kopf. „Gib Kolombine heraus, du nichtsnutziger Zivilist! Glaubst wohl, dass du mit Geld alles haben kannst? Na warte, ich werde dir den Kopf rasieren.“ Der Capitano trat zur Haustür und hämmerte dagegen. Kolombine schien zum ersten Mal zu lächeln.

Irritiert ging Pantalone auf den Flur und rief Harlekin hoch. Er befahl ihm, den Capitano wegzujagen. Harlekin lehnte ab. Pantalone gab ihm Geld, Harlekin lehnte immer noch ab. Pantalone gab ihm mehr Geld. Harlekin erklärte sich bereit, durch den Hintereingang hinauszugehen und den Capitano zu überraschen. Das tat er. Kurz darauf hörte das Pochen an der Haustür auf. Pantalone wartete etwas und traute sich dann selbst vor sein Haus.

Dort sah er wie Capitano Spavento und Kolombine die Straße hinuntergingen. Sie musste entwischt sein, als Pantalone mit Harlekin verhandelte. Harlekin hatte sich wohl mit dem Geld aus dem Staub gemacht. Wütend ging Pantalone wieder nach drinnen und schlug die Tür hinter sich zu.