(224) Guten Tag, Vater. Wie geht es Dir?

von Alain Fux

„Guten Tag, Vater. Wie geht es Dir?“ – „Danke, gut.“ Wie jeden Sonntag, fügte Livius Engler im Kopf hinzu. Er fragte sich, zu wessen Vorteil seine zweiwöchentlichen Einladungen zum Mittagessen dienten. Aber es machte keinen Sinn, Kraft darauf zu verschwenden, diese Frage zu klären. Die offensichtliche Antwort war „Niemand.“

Ina kam dazu, als ob sie aus der Küche käme. Dabei war klar, dass die Mahlzeit von der Haushälterin gekocht wurde. Bald saßen die drei am Tisch und aßen die Suppe. Jeder schien beflissen, die Zeremonie unfallfrei durchzustehen. Hans‘ und Inas Sohn, Kassian, war in Oxford auf der Uni. Es gehe ihm gut, versicherte Ina. Die Behandlung bei Prof. Knebel laufe nach Plan, erklärte Livius. Die Firma habe weiterhin ein überdurchschnittliches Jahr, bekräftigte Hans.

Später, als Ina wieder so tat, als ob sie noch in der Küche beschäftigt wäre, saßen Hans und Livius bei einem Glas Portwein zusammen. „Wie laufen die Gespräche mit den Japanern?“, fragte Livius. Vor sieben Monaten war MFE von einem japanischen Hersteller von Industrierobotern angesprochen worden. Es ging um ein Joint Venture für China.

„Fragst Du als Vorsitzender des Aufsichtsrats?“ – „Nein, als dein Vater und als Gründer des Unternehmens.“ – „Es könnte sein, dass es bei den Gesprächen nicht nur um ein Joint Venture geht, sondern um mehr.“ – „Aha, sie wollen uns also ganz kaufen.“ – „So direkt sagen die das nicht. Aber, wäre das für dich ein Problem?“ Livius lächelte Hans an, der ihn genau beobachtete. „Nein, die Zeit läuft nur in eine Richtung. Wenn es dorthin führt, dann muss es wohl so sein.“ Hans schien erleichtert. „Es ist sehr schwer, unsere Position in dem Markt zu halten. Die Entwicklung des IR251 ist viel teurer als gedacht. Ein Verkauf wäre der beste Weg, um Standort und Marke zu erhalten.“ – „Sicher“, meinte Livius.

Früher hatte er große Hoffnungen in Hans gesetzt, aber schon vor Jahren eingesehen, dass die Realität anders war. „Nehmen wir mal an, der Verkauf geht über die Bühne für einen stolzen Preis. Was wirst du dann machen?“, fragte er Hans. Sein Sohn überlegte kurz und zuckte die Schultern. „Darüber habe ich mir noch keine Gedanken gemacht. Das Leben genießen, schätze ich.“ Livius nickte. Wahrscheinlich Scheidung (dank des Ehevertrags möglich), jüngere Geliebte (dank des Reichtums zu erwarten), eine Yacht kaufen und mit ähnlich hohlköpfigen Freunden ein Jet Set-Leben antreten (dank Hans‘ Vorstellungen von einem erfüllten Leben).

‚Was soll’s‘, dachte Livius. ‚Dieses Elend werde ich nicht mehr miterleben. Und am Ende wird er genauso kalt und blass im Sarg liegen, wie ich.‘

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