(223) Liebste Irene, ich war heute bei Prof. Knebel und habe ihm gesagt, dass ich die Therapie abbrechen möchte.

von Alain Fux

Liebste Irene, ich war heute bei Prof. Knebel und habe ihm gesagt, dass ich die Therapie abbrechen möchte. Die paar Monate, um die ich mein Leben verlängern könnte, werden mir vergällt durch die Qualen der Therapie selbst. Ich sagte ihm: „Egal was noch kommt, ich hatte ein tolles Leben. Und den Rest davon möchte ich nicht hier und nicht so verbringen.“

Ich habe ihm sozusagen keine Wahl gelassen und am Ende hat er eingesehen, dass gegen meinen Altersstarrsinn kein Kraut gewachsen war. Du fragst Dich bestimmt, was ich mit meiner Zeit anfange. In der Firma habe ich kaum etwas zu tun, Hans macht seine Sache sehr gut. Wir haben einen prachtvollen Sohn in die Welt geschickt. Natürlich hätte ich hier und da Verbesserungsvorschläge, aber fast immer schweige ich. Zumindest versuche ich es.

Alle zwei Wochen bin ich zum Essen bei Hans und Ina eingeladen und ich möchte diese Zeit nicht verderben. Sie wissen auch nicht, wie es um mich steht. Würde ich es ihnen sagen, würde ich sie nicht mehr besuchen wollen und es würde alles noch komplizierter machen. Wahrscheinlich lachst Du jetzt und sagst, dass ich immer noch ein Feigling bin.

Eines muss ich Dir noch gestehen und Du musst versprechen, mir deswegen nicht böse zu sein. Ich habe eine Freundin. Ach, das ist zu viel gesagt. Ich habe eine junge Frau kennengelernt, die sich für mich uralten Mann interessiert. Ich verstehe es nicht, aber es schmeichelt mir natürlich gewaltig. Auf mein Geld kann sie es nicht angesehen haben, denn davon besitze ich keines mehr, außer der Rente, die Hans mir zahlt. Aber denke jetzt nicht, dass ich Dich mit ihr betrüge. Mit Lotti betrüge, so heißt sie. Ich versuche es erst gar nicht, denn es wäre ein Fiasko und ich will ihr den Anblick meines deformierten Körpers ersparen. Ich habe sie gebeten, sich für mich nackt auszuziehen und auf das Bett zu legen. (Es geschah im Hotel, keine Sorge, nicht in unserem Bett).

Dann habe ich die Augen geschlossen und ihre Haut gestreichelt. Sie war so schön glatt und so straff. Es war wie eine Zeitreise, denn sie hat mich an Dich erinnert, als wir zum ersten Mal beieinander lagen. Es war, als ob meine faltige, rissige Hand die Essenz des Lebens berührte. Was hätte ich dafür gegeben, wenn Du es gewesen wärst.

Meine liebste Irene, mein größter Schatz. Du fehlst mir so sehr, dass ich vor Sehnsucht vergehe, wie ein Schneeball in der Sonne. Bald werden wir uns wiedersehen, ich freue mich so sehr auf Dich. Prof. Knebel meint, dass es nur noch eine Frage von Wochen sein wird. Viel zu lange schon bin ich ohne Dich alleine hier. In ewiger Liebe, Dein Livius.

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