(222) Wieder eine Horrornacht.

von Alain Fux

Wieder eine Horrornacht. Prof. Knebel hatte viermal aufstehen müssen, um Harn zu lassen. Die Medikamente, die er gegen die Prostatavergrößerung einnahm, wirkten nicht ausreichend. Er würde einen Kollegen konsultieren müssen, es konnte so nicht weitergehen.

Er stieg aus dem Wagen, den er eben auf seinem reservierten Parkplatz vor dem Krankenhaus abgestellt hatte. Er fühlte sich zerschlagen. Erst am frühen Morgen hatte er richtig einschlafen können, war deshalb auch später dran als geplant. Der Frau am Empfang winkte er im Vorbeigehen zu. An ihren Namen konnte er sich nicht mehr erinnern. Während er darüber nachdachte, kam er an einer Gruppe Assistenzärzte vorbei. Von weitem hatte er gesehen, dass sie über irgendetwas lachten. Als er sich näherte wurden sie ernst, grüßten ihn zwar, aber eher misstrauisch. Wahrscheinlich erzählten sie sich ihre Karnevalsabenteuer. Wenigstens war dieser Wahnsinn zu Ende. Er hatte noch nie verstehen können, warum sich Erwachsene für so etwas hergaben. Seltsam, dass die Assistenzärzte nicht freundlicher zu ihm waren. So als ob er nicht zu ihnen gehörte. Dabei war er doch immer sehr darauf bedacht, die jungen Leute nicht auszunutzen, sondern ihr Fortkommen zu fördern.

Prof. Knebel kam zu seinem Büro, grüßte die Sekretärin, die ihm ankündigte, dass der Patient Freese bereits weggegangen sei. Schade, er hätte noch einmal mit Freese sprechen wollen. Freese hatte bei seiner Aufnahme reich gewirkt und deshalb hatte man das große Programm durchgezogen. Anscheinend war Freese aber gar nicht so wohlhabend gewesen. Auf jeden Fall hatte Knebel ein schlechtes Gewissen. Den Entlassungstermin hatte er vergessen. Er musste endlich mal wieder richtig durchschlafen. Er fühlte sich alt und schlaff.

In seinem Arbeitszimmer öffnete er den Wandschrank mit dem Waschbecken und beschaute sich im Spiegel. Blass sah er aus. Dunkle Augenringe. Zum Fürchten. Kein Wunder, dass die Assistenzärzte ihn nicht ansprachen. Haben sich wahrscheinlich gefragt, ob er als Arzt oder als Patient da war. Oder war der Moment gekommen, den ganzen Kram hinzuschmeißen und sich noch ein paar schöne Jahre irgendwo an der Sonne zu genehmigen. Die Forschung würde er in den kommenden Jahren nicht mehr voranbringen und Ärzte, die sich um die Patienten kümmerten, gab es wirklich genügend.

„Was ist dir jetzt noch wichtig, Trautwein?“, fragte er sein Gegenüber im Spiegel. Und schon wieder verspürte er Harndrang.

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