(221) In den letzten Tagen hatte Freese sich keine Gedanken um seine Zukunft gemacht.

von Alain Fux

In den letzten Tagen hatte Freese sich keine Gedanken um seine Zukunft gemacht. Wir werden sehen, dachte er. Jetzt stand er an einem grauen Aschermittwoch-Vormittag vor dem Eingang des Krankenhauses und wusste nicht, was er tun sollte.

Freese ging erst einmal Richtung Innenstadt, eine Plastiktüte mit seinen Habseligkeiten in der Hand. Er machte eine Bestandsaufnahme seiner Lage:

1. Er war gesund. Die letzten Tests hatten gezeigt, dass die Hirnschwellung zurückgegangen war. Er hatte den Unfall ohne bleibende Schäden überstanden.

2. Er war pleite. Die Behandlung hatte seine Barmittel erschöpft und außerhalb der Barmittel gab es nichts. Es blieben ihm nur ein paar Geldscheine in der Tasche.

3. Er war heimatlos. Da er mit der Miete im Rückstand war und der Inhalt der Wohnung weniger wert war als der Mietrückstand, hatte er beschlossen, nicht mehr dahin zurück zu kehren.

Was waren seine Optionen? Er könnte die Bischöfe bluten lassen. Er hatte genügend an der Hand, um jeden einzelnen der Exzellenzen auffliegen zu lassen. Manche Aktivitäten waren sogar strafrechtlich wirksam. Er konnte die ganze Bandbreite von peinlicher Bloßstellung bis zu Gefängnis bedienen.

Plötzlich stand er vor einer Kirche. Er überlegte kurz und ging hinein. Bereits hinten im Kirchenschiff empfing ihn der starke Weihrauchgeruch. Er war in die Messe zum Aschermittwoch geraten. Die Bänke waren zu weniger als einem Viertel gefüllt und da die Besucher weit auseinandersaßen, schien die Kirche fast leer. Freese setzte sich in eine Bank.

„Barmherziger Gott, du bist den Demütigen nahe und lässt dich durch Buße versöhnen. Neige dein Ohr unseren Bitten und segne alle, die gekommen sind, um das Aschenkreuz zu empfangen.“ Während der Priester sich daran machte, die Aschen zu segnen, hatte Freese eine Eingebung. Vielleicht war der Autounfall keine Folge seiner Unachtsamkeit gewesen. Vielleicht war es vielmehr eine Warnung an ihn. So wie der Wagen über die Böschung geflogen war, hätte er eigentlich dabei umkommen müssen. Er hatte es aber überlebt. War es ein Signal Gottes an ihn, sein Leben zu ändern? Als ob Gott ihm sagen wollte: „Ich weiß, dass meine Bischöfe schwach und korrupt sind. Es ist aber nicht deine Aufgabe, sie deswegen zu bestrafen. Das mache ich selbst. Ich gebe dir jetzt eine Chance, dich zu bessern.“

Freese fühlte sich bei diesem Gedanken befreit. Er hatte nichts, das ihn mit seinem bisherigen Leben verband. Er konnte neu beginnen.

Als der Priester anfing das Aschenkreuz auszuteilen, stand Freese auf und stellte sich in die kurze Schlange der Gläubigen. “Memento homo, quia pulvis es, et in pulverem reverteris.“

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