(220) Am Vormittag des Aschermittwochs überließ Angela den Kostümverleih für ein paar Stunden der Studentin, die ihr aushalf.

von Alain Fux

Am Vormittag des Aschermittwochs überließ Angela den Kostümverleih für ein paar Stunden der Studentin, die ihr aushalf. In den letzten Tagen war wegen Karneval so viel los gewesen, dass sie ihre Mutter nicht hatte besuchen können. Angela wohnte in der Nähe ihres Ladens, während ihre Mutter nie aus der alten Wohnung ausziehen wollte, in der Angela aufgewachsen war. Jedes Mal wenn Angela jetzt zu ihrer Mutter fuhr, hatte sie Angst vor einer katastrophalen Entwicklung. Christa Fischer ließ ihre Umwelt unter fortschreitender Demenz leiden. Am Anfang schien sie nur vergesslich oder etwas nachlässig. Irgendwann erkannte sie ihre Tochter nicht mehr.

Als Angela jetzt die Wohnungstür aufschloss, roch es nach Keksen. Das war ein gutes Zeichen. Ihre Mutter war zwar noch im Morgenmantel, aber immerhin rege genug, um zu backen. Irgendwann würde sich an dieser Situation alles ändern. Angela war nicht in der Lage, sich wirklich um ihre Mutter zu kümmern. Bald würde es nicht mehr gehen, sie über Tage hinweg alleine zu lassen. Eine ständige Betreuung in der Wohnung war zu teuer. Sie würde in ein Pflegeheim gehen müssen.

An manchen Tagen empfing ihre Mutter sie mit „Wer sind Sie? Was machen Sie hier?“ Heute erkannte sie Angela und machte ihr Vorwürfe, dass sie nie etwas von sich hören ließ. Dann, dass sie ihren Mantel über den Stuhl hing und ihre Handtasche auf den Tisch stellte. Artig hing Angela den Mantel an den Mantelständer und stellte die Handtasche auf den Fußboden. Aus Erfahrung wusste sie, dass es keinen Sinn machte, eine Diskussion mit ihrer Mutter anzufangen. Vor allem, weil ihre Mutter den Streitpunkt bereits in fünf Minuten vergessen haben würde.

„Es riecht gut. Wie früher. Ich habe deine Kekse immer sehr gemocht“, sagte sie. „Sie sind jetzt fertig, ich kann sie herausnehmen.“ Angela registrierte zufrieden, dass ihre Mutter zuerst den Backofen ausschaltete und erst dann die Tür aufklappte. Eine warme feuchte aromatische Hitze ergoss sich in die Küche. Mit zwei dicken Topflappen ergriff Christa Fischer das Backblech, zog es heraus und stellte es auf der Arbeitsplatte ab. Angela dachte, sie hätte sich getäuscht und stand auf, um besser zu sehen. Aber nein, sie hatte richtig gesehen. „Mutter, was sind das für Keksformen?“ – „Die sind schön, nicht wahr? Eine ideale Form für Kekse.“ Angela starrte ungläubig auf das Backblech. Darauf lagen 17 säuberlich ausgestochene Kekse in Hakenkreuzform. „Wir können sie noch nicht gleich essen“, sagte ihre Mutter, „sie müssen erst noch abkühlen.“

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