(219) When the day is long and the night, the night is yours alone.

von Alain Fux

When the day is long and the night, the night is yours alone. Bernhard Rüwe saß an seinem Küchentisch. Auf dem Stuhl gegenüber lag das Kuhkostüm, der Euter reckte sich ihm obszön entgegen.

Der Abend hatte eigentlich gut begonnen. Sie hatten sich beim Hausball in einer Kneipe getroffen. Katrin fand sein Kostüm witzig. Diesen Test, der ihn vorher so nervös gemacht hatte, bestand er. Sie trug nur eine rote Pappnase. „Wenn man Lachmann heißt, braucht man sich nicht zu verkleiden“, erklärte sie.

Dann zogen sie weiter zu einer privaten Party bei Freunden von Katrin. Ein Riesenloft mit unheimlich vielen Leuten, alle irgendwie aus der Kunstszene. Sie kannte fast alle und irgendwann blieb Rüwe einfach an der Bar stehen. „Tolles Kostüm“, sagte ein glatzköpfiger Typ neben Rüwe. Er deutete auf den Euter und fragte: „Ist der echt?“ Lando und Bernhard stellten sich einander vor. Lando war Kunststudent. Bernhard sagte, dass er in einer Bank arbeitete. Lando fragte ihn weiter aus, Banker schien ihm ein exotischer Beruf zu sein. Dabei streichelte er immer wieder über die Zitzen von Bernhards Euter und drückte die Spitzen.

Sometimes everything is wrong. „Bitte, lass das“, bat ihn Bernhard. „Was ist denn genau deine Tätigkeit bei der Bank?“ – „Ich bin verantwortlich für die Abwicklung von Wertpapiergeschäften. Bitte lass den Euter in Ruhe.“ – „Kaufen! Verkaufen! Kaufen! Verkaufen!“ – „Nein, das ist nicht so. Es geht darum aufzupassen, dass alle Regeln eingehalten werden und das Geld und die Papiere genau da ankommen, wo sie hingehören.“ – „Ihr seid doch die Spekulanten, die den normalen Leuten die Butter vom Brot nehmen.“ – „Nein, das ist nicht so. Wir sind sehr wichtig. Wenn es uns nicht gäbe, würde die Wirtschaft zusammenbrechen. Geh von den Zitzen weg, ich warne dich nicht noch einmal.“ – „Jetzt hab‘ dich doch nicht so. Aber du hast ja wirklich Nerven. Im richtigen Leben der blutsaugende Kapitalist und hier auf der Party eine unschuldige Milchkuh.“ – „Jetzt hör mal zu, du kleiner Künstlerarsch. Bloß weil du irgendwelches unverkäufliches Zeug produzierst, gibt dir nicht das Recht, Leute zu beleidigen, die arbeiten und Steuern zahlen.“

Zu spät bemerkte Bernhard, dass Katrin schon einige Zeit neben ihm stand. Der Euterbonus war weggefallen. Er versuchte sich zu erklären. Es machte alles nur noch schlimmer. If you’re on your own in this life, the days and nights are long. Er verließ die Party. Versuchte sein Glück noch einmal in der Kneipe, in der er Katrin getroffen hatte. Versuchte sich zu betrinken. Fand plötzlich alles sinnlos und nahm ein Taxi nach Hause. Legte sich ins Bett und stand am Morgen auf. Schaltete das Radio ein. Everybody cries. And everybody hurts sometimes.

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