(218) Verzeih uns unsere Sünden, erneuere uns nach dem Bild deines Sohnes und schenke uns durch seine Auferstehung das unvergängliche Leben.

von Alain Fux

„Verzeih uns unsere Sünden, erneuere uns nach dem Bild deines Sohnes und schenke uns durch seine Auferstehung das unvergängliche Leben. Darum bitten wir durch ihn, Christus, unseren Herrn.“

Schellenberger beugte sich über die Schale mit der Palmasche und sprenkelte Weihwasser darüber. Der Thuriferar schwenkte das Weihrauchfass und Rauch umhüllte den Altar. Dann drehte der Bischof sich zur Gemeinschaft um. Nach Bänken hatten die Gläubigen vier Schlangen gebildet. Eine für Schellenberger über den Hauptgang, die drei anderen für die assistierenden Priester.

Schellenberger stellte sich vor seine Schlange und markierte die erste Wartende, eine Frau mit blassem, krankem Teint. „Bedenke Mensch, dass du Staub bist, und zum Staub zurückkehrst.“ Diesen Spruch würde er über hundert Mal aufsagen müssen. Mit dem Daumen drückte er das Aschekreuz auf die Stirn der Frau. Sie ging zur Seite und der nächste rückte auf. Wahrscheinlich ihr Mann. „Bedenke Mensch, dass du Staub bist, und zum Staub zurückkehrst“ Und wieder rückte einer auf. „… Staub… Staub…“ Wie oft er diesen Satz schon gesagt hatte. „Staubstaub.“ Was er getan hatte, bewirkte gar nichts bei den Leuten. Es ist die Kraft („staubstaub“) der Vergangenheit, die die Leute berührt. Diese Aschezeichen waren nur ein Symbol dafür („staubstaub“). Wie oft würde er noch hier stehen und genau das gleiche machen, wie vor ihm Tausende anderer Priester, Bischöfe etc.

Aus der Nummer würde er nicht mehr herauskommen. Es ging darum, den Weg als Ziel zu betrachten. Sehen, welchen Trost das Leben auf seinem Wege für ihn bereithielt. Freese hatte sich schon lange nicht mehr gemeldet. Ob ihm etwas passiert war? Welcher der Bischöfe die ganzen Aktionen wohl organisierte. Ihm fiel keiner ein, der die notwendige Traute hätte. Schellenberger war der jüngste Bischof. Die anderen hatten sich wohl mit ihrem Schicksal abgefunden. Warum machte Freese große Ankündigungen und ging dann auf Tauchstation? („staubstaub“). Die Schlange vor ihm schien nicht enden zu wollen. Wenn die Kirche auch an den anderen Tagen so gefüllt wäre, bräuchte man sich keine Gedanken zu machen. Staub. Klar, niemand würde irgendeinen Vorteil für das Leben danach mitnehmen dürfen. Irgendwann würde das Jüngste Gericht anbrechen, und alle würden gleich sein. „Tilge, Herr, meine Frevel nach deinem reichen Erbarmen.“ Der Chor sang sehr schön. Die Melodie ließ ihn die Monotonie des Aschekreuzmalens vergessen. Staubstaub. Irgendwann hatte er seine Reihe beendet. Er registrierte mit Stolz, dass seine Schlange länger gewesen war, als die der anderen Priester. Schellenberger setzte sich wieder hin. Noch die Fürbitten, die Eucharistie und dann aus die Maus.

Als Schellenberger nach der Messe in der Sakristei sein Messegewand ablegte und sich im Spiegel musterte, fiel ihm auf, dass er der einzige Teilnehmer der Messe war, der kein Aschekreuz trug.

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