(217) Noch der heutige Dienstag und der Wahn hatte ein Ende.

von Alain Fux

Noch der heutige Dienstag und der Wahn hatte ein Ende. Ab Aschermittwoch bis spätestens Freitag müssten die verliehenen Kostüme alle wieder eingetrudelt sein. Danach flicken, reinigen lassen und alles wieder verstauen. Wieder eine Karnevalssaison vorbei.

Angela Fischer hatte ihren Laden erreicht und schloss auf. Kaum hatte sie die Beleuchtung eingeschaltet, kam auch schon der erste Kunde. Ein junger Mann, Anzug, Managertyp, gehetzt. „Ich brauche ein total verrücktes Kostüm.“ – „Das passt gut, wir sind ein Kostümverleih. Was schwebt ihnen denn genau vor? Wenn es etwas ganz Besonders sein soll, empfehle ich Ihnen die Nacktstrategie. Wird allgemein als verrückt anerkannt.“ Sie mochte den Schnösel nicht. „Nein, es muss ausgefallen sein, originell.“ Der Mann lief im Laden auf und ab. Dabei versuchte er mit den Augen etwas einzufangen, das sein Problem löste. Immerhin, dachte Angela, Geld schien keine Rolle zu spielen.

Durch gezielte Fragen fand sie heraus, dass Bernhard Rüwe, so hieß der Jungbanker, eine Frau kennengelernt hatte, eine Künstlerin. Am Abend dieses Tages war er mit ihr verabredet. Er wollte ihr unbedingt imponieren. Mittlerweile hatte er sich auch beruhigt und war sogar einverstanden, dass Angela erst einmal für beide einen Espresso bereitete. „Das ist ja nicht trivial, da müssen wir sogfältig überlegen.“ Die Frau war Malerin, bisher noch nicht erfolgreich. Deshalb schied eine teure Kostümierung aus, denn damit würde Rüwe nur die potenziell durchscheinende Überheblichkeit steigern. Es könnte etwas ironisches sein oder etwas, womit er ihr zeigen konnte, dass er sich selbst nicht so ernst nahm. „Ich habe eine Idee“, sagte sie. Das Koffein hatte ihre Hirnzellen angeregt.

Angela ging in ihr Lager und brachte ein Kostüm zurück. Rüwe wollte schon protestieren, aber sie schnitt ihm das Wort ab. „Anprobieren“, sagte sie und hielt ihm den Karton hin. Nach einigem Zureden verschwand er in der Umkleidekabine. Sie machte sich noch einen Espresso. Sinnvoller wäre es gewesen, ihm einen teuren Rokoko-Fummel anzudrehen, aber das hätte ihn bei der Malerin bestimmt aus der Kurve geworfen. Rüwe schob den Vorhang beiseite und trat vor. Mit einem kreisenden Zeigefinger bat sie ihn, sich umzudrehen. „Passt gut“, sagte sie nickend.

Rüwe beschaute sich im Spiegel. Er war als schwarz-weiße Holstein-Kuh verkleidet, auf dem Kopf eine Kapuze mit Hörnern und vorne auf der Taille ein prachtvoller fleischfarbener Euter mit fingerlangen Zitzen. Angela sagte anerkennend: „Glauben Sie mir, bei diesem Kostüm kann keine Frau widerstehen.“

Advertisements