(216) Angela ist sonst ein richtiger Sonnenschein, Herr Doktor.

von Alain Fux

„Angela ist sonst ein richtiger Sonnenschein, Herr Doktor. Aber seit drei Tagen lässt sie sich kaum berühren und ist immer schlecht gelaunt. Manchmal ist sie richtig jähzornig und man hält es kaum mit ihr aus. Ich glaube, sie hat eine Grippe.“

Dr. Knebel untersuchte den Säugling, hörte Herz und Lungen ab, schaute ihr in den Mund und in die Ohren. Dann bewegte er ihre Arme und Beine. Er stutzte, als er merkte, dass die Beinbewegungen der Kleinen Schmerzen bereiteten. Vorsichtig legte er ein Kissen unter ihren Kopf und schaute sich die Schädeldecke an. Mit den Fingern strich er ganz sanft die Umrisse der großen Fontanelle ab. Er spürte, wie sie leicht nach außen gewölbt war. Seine Vermutung war bestätigt.

Er stand auf und wusch sich die Hände. Christa Fischer, die Mutter, begann Angela wieder anzuziehen. Knebel setzte sich an seinen Schreibtisch. „Frau Fischer, es ist keine Grippe. Wenn ich mich nicht täusche hat die kleine Angela eine Hirnhautentzündung.“ Frau Fischer sah ihn mit großen Augen an. „Wir haben großes Glück, dass wir es so früh entdecken. Deshalb stehen unsere Chancen recht gut. Wir werden folgendes machen: Angela muss in ein Krankenhaus, damit man dort zur Bestätigung Rückenmarkflüssigkeit entnimmt und analysiert. Dazu bekommen Sie von mir eine Überweisung. Gleichzeitig bekommen Sie von mir schon mal ein Medikament, damit wir gleich mit der Behandlung beginnen. Das müssen Sie dem Arzt im Krankenhaus mitteilen. Haben Sie das verstanden?“

Frau Fischer flossen die Tränen an den Wangen herunter. Sie nickte aber. Dr. Knebel kam um den Schreibtisch herum und half ihr beim Anziehen von Angela. „Wie schlimm könnte es werden?“ – „Schlimm wäre es nur, wenn wir sie nicht behandelten. Sie hätte sterben können.“

Als Angela fertig angezogen war, reichte Dr. Knebel Frau Fischer zwei Schachteln Medikamente, die er aus dem Glasschrank mit den Vertreterproben genommen hatte. Er erklärte ihr die Einnahme und gab ihr einen Zettel mit den Anweisungen.

„Was schulde ich Ihnen?“ Knebel schaute auf ihren schäbigen Mantel und auf die schon vielfach benutzte Babykleidung der Kleinen. „Das ist in Ordnung, Frau Fischer. Ich habe heute Nachmittag meine offene Sprechstunde. Für die weitere Behandlung gehen Sie am besten in das Krankenhaus in der Neustraße. Da bekommen Sie die beste Pflege für Angela. Und bei den Kosten wird man Ihnen entgegenkommen.“

Christa Fischer bedankte sich noch einmal bei ihm. Er hielt ihr die Türe offen und wünschte ihr alles Gute. Er fragte sich, was aus dem kleinen Mädchen, dem er eben das Leben gerettet hatte, werden würde. Viel Zeit hatte er nicht für diese Gedanken, denn schon stand ein übelriechender Alkoholiker mit blutverschmiertem Verband an der Hand vor ihm.

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