(215) Prof. Knebel schaute die Behandlungsakte durch und lächelte.

von Alain Fux

Prof. Knebel schaute die Behandlungsakte durch und lächelte. „Ich glaube, Herr Freese, dass es eine gute Entscheidung von Ihnen war, in den Neubau zu wechseln. Hier konnten wir Ihnen wirklich helfen. Es ist zwar, ich gebe es zu, sehr teuer. Aber irgendwie müssen wir die Leasingraten für unsere Maschinen ja bezahlen, nicht wahr.“

Freese saß vor ihm und schaute auf eines der vielen Fotos an der Wand hinter dem Professor. Er deutete mit dem rechten Zeigefinger darauf: „Ist das nicht der Politiker Ewert?“ Prof. Knebel drehte sich um.

„Aber ja, Konrad Ewert, mein Taufpate. Daneben ich als junger Student.“ – „Das war bestimmt hilfreich für Ihre Arztkarriere, oder?“ – „Nein, im Gegenteil“, antwortete Prof. Knebel. „Sie haben ja keine Idee, Herr Freese, wie sehr das mein Leben durcheinander gebracht hat. Nichts gegen Konrad, er ist ein guter Mensch. Aber das war nicht hilfreich für mich. Natürlich standen mir dadurch nach dem Studium alle Türen offen. Ich hätte bereits nach ein paar Jahren eine Professur haben können. Aber, ich wollte meinen eigenen Weg gehen, ohne Konrads Unterstützung. Kommilitonen von mir eröffneten eine kleine Praxis oder blieben am Krankenhaus. Nur ich musste es mir selbst beweisen. Ich ging in eine Großstadt und arbeitete als Hausarzt für die Unterschicht. Sie können sich ja keine Vorstellung davon machen, wie das ist. Die geistige Trägheit, der abgestumpfte Blick und die üblen Gerüche – das ist unvorstellbar. Und ich war mittendrin, als kleiner Hausarzt.“

Freese wand ein, dass das doch eine noble Geste war und ein glücklicher Meilenstein in seinem Lebenslauf, im Nachhinein. „Nein, Herr Freese. Das stellen Sie sich so vor. So war es aber nicht.“ Knebel zündete sich eine Zigarette an. „Es stört Sie doch nicht, wenn ich rauche? Ich habe den Eindruck, meine Patienten zahlen meine Rechnungen mit weniger Widerwillen, wenn Sie wissen, dass ich die Früchte meines Erfolgs nicht so lange genießen kann. Als Arzt kann ich Ihnen natürlich keine Zigarette anbieten und muss Sie auf die schädliche Wirkung von Passivrauchen hinweisen.“

Knebel öffnete ein Fenster.

„Die Zeit, die ich in der Unterschicht verbrachte und mich kasteite, hätte ich hier sehr viel besser nutzen können. Ich hätte forschen sollen, irgendwelche Heilungsmethoden entdecken. Anstatt den guten Menschen aus Lambarene zu markieren. Aber das war alles nur, weil Konrad Ewert mir alle Wege ebnen wollte.“ – „Aber Sie haben doch nun ein sehr erträgliches Auskommen gefunden, Herr Professor.“ – „Das glauben Sie, mein lieber Freese. Aber ich kann Ihnen sagen: wenn Sie hier die Leasingraten für den Maschinenpark abziehen, bleibt nicht besonders viel übrig. Es ist ein Leben am finanziellen Abgrund.“

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