(214) Freese hatte gerade „Und deshalb hängt das Einfühlungsvermögen von den Umständen ab.“ gesagt…

von Alain Fux

Freese hatte gerade „Und deshalb hängt das Einfühlungsvermögen von den Umständen ab.“ gesagt, da fiel ihm das Diktiergerät auf die Füße. Reflexartig bückte er sich danach und übersah die Kurve. Der Wagen schoss über den leichten Hang hinüber, überschlug sich und blieb auf dem Dach liegen wie ein toter Käfer.

Freese war aber nicht tot und als er wieder zu sich kam, sah er eine Zimmerdecke, auf der die Feuchtigkeit Muster in den Gips gemalt hatte. Längere Zeit verfolgte er das Muster der sich überlappenden Flecken. Schmerzen hatte er keine, auch Verletzungen konnte er nicht feststellen. Er erinnerte sich, wie er sich bückte und dass sein Auto zu fliegen schien, als er sich wieder aufrichtete.

Er lag jetzt in einem Bett. Die Bettwäsche sah fleckig aus. Der Bettrahmen war rostig und schien aus Wasserleitungsrohren gebaut zu sein. Die Wände waren schmutzig, das Fenster verdreckt.

Dann öffnete sich die Tür, deren unteres Ende gesplittert war, und eine Krankenschwester kam herein. Die Ärmel ihrer Uniform wiesen Spuren aller Körpersekrete auf. Als sie sah, dass er wach war, ging sie wieder hinaus, ignorierte Freeses Fragen. Dann war es wieder still.

Freese wollte aufstehen, fühlte sich aber wacklig auf den Beinen und legte sich wieder hin. Dann öffnete sich die Tür erneut und ein Mann in strahlend weißem Kittel kam herein. „Ich bin Professor Trautwein Knebel“, stellte er sich vor. „Sie befinden sich im älteren Teil unseres Krankenhauses.“ – „Ich bin privatversichert“, entgegnete Freese.

„In den neuen Teil unseres Krankenhauses kommen leider nur Selbstzahler. Sie könnten übrigens eine innere Hirnverletzung haben, aber das können wir in diesem Trakt bedauerlicherweise nicht feststellen.“ Prof. Knebel vermied es irgendetwas anzufassen oder sich auf das Bett zu setzen. Immer wieder starrte er auf einen dunklen Fleck auf dem Linoleumboden. Einmal rubbelte er mit der Schuhspitze darüber, ließ es aber gleich wieder sein, als der Fleck sich in kleinen Würstchen abpellte.

„Helfen Sie mir!“ – „Dazu sind wir da, Herr Freese. Wir haben bereits die Bonität Ihrer Kreditkarte überprüft. Eine Unterschrift von Ihnen und wir können Sie in unseren Neubau verlegen. Dort haben wir ganz fantastische Maschinen. Sonst werden wir uns längere Zeit nicht sehen, denn ich komme nur selten in diesen Teil des Krankenhauses.“ Freese glaubte Kopfschmerzen zu haben. „Ich unterschreibe alles.“ – „Sehr schön, Herr Freese. Betrachten Sie sich ab jetzt als ein Patient auf dem Weg zur Besserung.“

In seiner Freude hätte Prof. Knebel seinem Patienten fast die Hand gereicht, er konnte sich aber im letzten Augenblick zurück halten und winkte ihm nur etwas linkisch zu, als er das Zimmer verließ.

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