(213) Menschen sind sehr einfach zu verstehen.

von Alain Fux

„Menschen sind sehr einfach zu verstehen. Rationale Entscheidungen gibt es nicht. Es sind die Gefühle, die alles bestimmen. Die Vernunft wird eingesetzt, um einmal getroffene Entscheidungen zu verbrämen, sie zu begründen. Mehr nicht.“

Freese schaltete das Diktiergerät ab und legte es auf die Mittelkonsole seines Dienstwagens. Auf seinen langen Autofahrten führte er gerne Selbstgespräche zu Themen, die ihm am Herzen lagen. Seit einiger Zeit zeichnete er die Gespräche auf, denn er glaubte, dass sie eine gewisse Allgemeingültigkeit hatten. Vielleicht würde er diese gesammelten Gedanken irgendwann in Form einer Aphorismensammlung veröffentlichen. Bis dahin war es nur eine Beschäftigung, um die Zeit zwischen den Kundenterminen zu überbrücken.

„Die Grundgefühle sind Freude, Ärger, Liebe, Angst, Trauer und Gier. Mit diesem Baukasten kann man das Verhalten der meisten Menschen erklären. Und wenn man es erklären kann, kann man es auch vorhersagen. Und wenn man es vorhersagen kann, kann man es auch beeinflussen. Es gilt, auf die kleinen Veränderungen zu achten.“

Freese dachte zurück an das Gespräch mit Schellenberger. Zuerst hatte der Bischof Angst verspürt. Er sah Freese vor sich im Besucherstuhl sitzen und wusste nicht, was sein Besucher überhaupt wollte. Als Freese erklärt hatte, was seine Funktion war, wurde Schellenbergers Angst noch größer, denn es bestand die Möglichkeit, dass das Treffen nur eine Falle war. Als ob man testen wollte, wie er reagierte. Durch Zureden hatte sich Schellenberger entspannt und Freese stückweise vertraut. Zu Hilfe kam ihm dabei, dass er erkannte, welche Vorteile dieses Vertrauen für ihn haben könnte. Es war so, als ob er sich in kleinen Schritten in Freese verliebte. Er fühlte sich von Freese beschützt, was dieser natürlich beabsichtigte. Wie ein Spinnenweibchen, das dem Männchen eine Art Duldsamkeitsserum einspritzt, bevor es den Partner verspeist.

Paradoxerweise stieg mit dem Vertrauen aber auch die Gier. Die in Aussicht gestellten Vorteile waren bereits groß, aber Schellenberger, wie auch fast alle anderen, stellten sich immer gleich die nächste Stufe vor. Ihre Wünsche nahmen seltsame Formen an.

Aber Freese kannte diese Entwicklung. Die Gefälligkeiten, die er den Bischöfen gewährte, entfachten neues Feuer. Sie stellten sich vor, was die anderen bekamen und wollten es ihnen gleichtun. Sie schaukelten sich hoch. So auch Schellenberger.

Den Verein der Bischöfe gab es wirklich. Allerdings waren die Vorzeichen andere. Nach den ersten Bestellungen hatte Freese genug Erpressungsmaterial in der Hand, um künftig Geld von den Bischöfen zu kassieren.

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