(212) Bischof Schellenberger drehte die Karte seines Besuchers mehrmals um.

von Alain Fux

Bischof Schellenberger drehte die Karte seines Besuchers mehrmals um. Es stand bloß ein Name darauf ‚Stefan Freese‘. „Wie kann ich Ihnen helfen, Herr Freese?“ Sein Besucher trug einen eleganten Anzug, hatte kurzgeschnittene blonde Haare und eine große Ruhe strahlte von ihm aus.

„Die Frage darf ich Ihnen stellen, Exzellenz.“ Freese wartete einen Augenblick, um bei Schellenberger die Spannung steigen zu lassen. Dann erklärte er ihm, dass er für den Verein der Bischöfe arbeitete, von dem Schellenberger noch nie etwas gehört hatte. „Und doch gibt es ihn. Schauen Sie, es ist wie in der Wirtschaft: Führungskräfte müssen inzentiviert werden. Das weiß die Kirche bereits seit Jahrhunderten. Ihre Kollegen haben sich vor sehr langer Zeit einen Verein gegeben, mit dem viele Bedürfnisse diskret, aber umso effizienter erfüllt werden können. Eine Art Kooperative. Und ich nehme praktisch die Bestellungen auf.“ Schellenberger schien immer noch nicht zu verstehen. „Sie sind jetzt nicht mehr nur Hochwürden, sondern Sie sind Exzellenz. Da gibt es Vorteile. Einen Katalog habe ich nicht, Sie müssen nur sagen, wonach Ihnen ist. Mögen Sie Männer oder Frauen? Dieses Thema steht berufsbedingt immer sehr stark im Vordergrund. Glauben Sie mir: Sie können viel freier Bischof sein, wenn Sie nicht ständig daran denken, was Ihnen offiziell verwehrt ist.“

Schellenberger war sprachlos, aber man sah, dass es in seinem Kopf arbeitete. „Natürlich könnten Sie Kollegen anrufen, es sind allerdings nicht alle in unserem Verein. Und ich werde keine Namen verraten: weder Ihren, noch den von Kollegen von Ihnen. Ich bin sehr diskret. Also, was sagen Sie? Lieber Männer oder Frauen? Wir können es Ihnen auch einrichten, dass Sie abseits vom Diözesansitz eine zweite Familie aufbauen, völlig unter Ausschluss der Schäfchen in diesem Bistum. Es sei denn, Sie haben Ihr Glück bereits hier in diesen vier Wänden gefunden. Frau Schäfer schien mir eine sehr angenehme Person zu sein.“ – „Auf keinen Fall“, entgegnete ihm Schellenberger, „Sie haben ja keine Ahnung. Gerade Frau Schäfer sorgt dafür, dass ich auf dem Pfad der Tugend bleibe.“

Freese war erleichtert. Für einen Moment hatte er gedacht, dass der Bischof ein ausgemachter Lebensfeind sein könnte. Er war bloß vorsichtig. Freese legte sein Notizheft auf den Tisch und skizzierte für Schellenberger, wie der Verein organisiert war und wie er funktionierte. Schellenberger stellte gute Fragen, insbesondere natürlich, wie die Organisation finanziert wurde. „Der Verein hat über die Jahrhunderte ein großes Vermögen angesammelt. Ich bin nur ein zeitweiliger Verwalter dieser Gelder. Schon seit undenklicher Zeit lebt der Verein nur von den Zinsen, ohne das Vermögen jemals anzufassen.

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