(211) Hochwürden? Sie erinnern sich an die Familie, wegen der Sie mich Anfang der Woche anriefen?

von Alain Fux

„Hochwürden? Sie erinnern sich an die Familie, wegen der Sie mich Anfang der Woche anriefen? Genau, die Heinrichs.“ Gisela Drescher war außer sich. Schellenberger setzte sich an den Schreibtisch. Der Beginn des Telefonats ließ auf ein längeres Gespräch schließen. „Sie kamen noch am gleichen Tag: Vater, Mutter und Baby Heinrichs. Ich zeigte ihnen selbst die beiden Räume, die ihnen zustanden.“

Eine eifrige Kirchgängerin hatte Schellenberger auf die Heinrichs aufmerksam gemacht. Ihre Wohnung war zwangsgeräumt worden und sie waren obdachlos. Sie hatten ihm leidgetan und deshalb hatte er bei Frau Drescher angerufen. Sie leitete die VaterMutterKind-Einrichtung und bat ihn, die Familie zu ihr zu schicken.

„Ich bin ja vieles gewöhnt, aber die Heinrichs sind das Letzte.“ Schellenberger erreichte, dass Frau Drescher sich beruhigte und ihm die Geschichte erzählte.

Herr Heinrich war tagsüber unterwegs, allerdings nicht um Arbeit zu suchen, wie seine Frau bestätigte. Sie selbst verbrachte den ganzen Tag rauchend im Bett und beschäftigte sich mit Videospielen. Das Baby war auf sich selbst gestellt. Abends kam Herr Heinrich zurück und war betrunken. Zuerst stritt er sich mit seiner Frau, dann mit den Nachbarn. Schließlich mit Frau Drescher. Trotz ihrer Erfahrung mit heiklen Familien konnte sie es nicht vermeiden, dass eine derbe Schlägerei ausbrach. Der Flur, das Gemeinschaftszimmer und ein Teil der Küche wurden verwüstet. Eine Glaswand zum Eingangsbereich war gesplittert und die Scharnierbeschläge der Haustür waren kaputt. Die Polizei war dagewesen und hatte drei der Väter in Gewahrsam genommen. Der Notarzt hatte sich um die Verletzten gekümmert. Frau Drescher, obwohl selbst verstört, kümmerte sich um die anderen, teil traumatisierten Bewohner der Einrichtung.

„Ein Schlachtfeld haben die hinterlassen. Und das alles war die Schuld der Heinrichs. Ich wollte Sie gestern bei der Weihe nicht stören, Hochwürden. Sie haben sich wahrscheinlich gewundert, warum ich nicht gekommen bin. Nun, es hatte nichts mit mir zu tun. Das waren Tiere. Besonders dieser Heinrich. Der hat das Schlechte in den anderen herausgeholt. Sodom und Gomorrha, Hochwürden!“ Schellenberger trommelte ungeduldig mit den Fingerspitzen auf der Tischplatte. „Das ist ja unfassbar, Frau Drescher. Es zeigt mir, dass man die großartige Arbeit, die Sie leisten, nicht hoch genug loben kann. Ein Gutes hat die Sache: ich kann mir niemand vorstellen, der dieses Chaos besser wieder in den Griff bekommt als Sie. Gott möge Ihnen zur Seite stehen und Kraft geben. Meine Gedanken sind bei Ihnen. Ich wünsche Ihnen ein gutes Händchen dabei. Leider habe ich jetzt gleich den nächsten Termin. Die Hektik des Bischofslebens, Sie verstehen. Auf Wiederhören, Frau Drescher.“

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