(210) Ich muss mich noch daran gewöhnen, Sie müssen das verzeihen.

von Alain Fux

„Ich muss mich noch daran gewöhnen, Sie müssen das verzeihen. ‚Hochwürden‘ ist mir halt geläufiger als ‚Exzellenz‘.“ Frau Schäfer schenkte Alwin Schellenberger Kaffee ein. Er las in der Zeitung die Berichte seiner Weihe. „Der Mann hinter dem Titel ist aber derselbe geblieben, Frau Schäfer.“ – „Dem Herrn sei Dank“, antwortete Frau Schäfer und setzte sich auch an den Frühstückstisch. „Was schreibt die Zeitung?“ – „Netter Artikel. Sie schreiben ‚Bewegende Momente… tief-berührende Gesten… große Spiritualität usw.“ – „Und das war es auch wirklich, Euer Exzellenz. Da, jetzt habe ich daran gedacht.“ Sie schmierte sich ein Butterbrot. „Was ich nicht verstehe ist, dass Ihr Bruder Tilo schon so schnell weg musste. Direkt nach dem Gottesdienst.“ – „Sie haben recht, das sah etwas seltsam aus. Tilo ist nicht an Konventionen gebunden. Deshalb scheinen seine Handlungen manchmal etwas befremdlich. Aber, wenn Gott ihn nicht verändert, dann werden wir es auch nicht mehr schaffen.“

„Was ändert sich denn jetzt für uns? Ich meine wegen der Bischofsweihe?“ Schellenberger sah von der Zeitung auf. „Eigentlich gar nichts, Frau Schäfer. Ich werde wahrscheinlich etwas öfters unterwegs sein im Bistum. Aber ansonsten bleibt alles beim Alten. Vielleicht öfters Gäste zum Essen hier.“ – „Oh, das klingt ja ganz anstrengend. Ich weiß nicht, ob ich noch für so viele Leute kochen kann.“ – „Da machen Sie sich keine Gedanken. Dafür werden wir einen Cateringdienst in Anspruch nehmen. Mit dem Amt kommt glücklicherweise auch ein höherer Auslagensatz.“ – „Da fällt mir ein, wir müssen ja noch ihre Garderobe neu kaufen, sonst müssen Sie immer die gleiche Kleidung tragen und den Waschtag im Bett verbringen.“ – „Das geht natürlich gar nicht. Ich habe mir gedacht, mal nach Rom zu diesem Laden zu fahren, Gammarelli. Die schneidern sogar für den Papst. Aber auch für ganz normale Priester“, fügte er eilig hinzu. „Italienische Eleganz würde Ihnen bestimmt gut stehen.“ – „Das Problem ist nur, dass ich mich bei so etwas immer schlecht entscheiden kann und nachher bestimmt mit den falschen Sachen in unmöglichen Größen herauskomme. Würden Sie, liebe Frau Schäfer, mit mir nach Rom fahren, um mir bei der Auswahl zu helfen?“ Frau Schäfer verschluckte sich fast an ihrem Marmeladenbrot. „Ich… nach Rom… einkaufen“, stotterte sie. „Das wäre wunderbar. Ich war in meinem Leben noch nicht in Rom. Den Petersdom besichtigen, die Sixtinische Kapelle…“ – „Und mit mir zu Gammarelli gehen.“

 

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