(209) Die ganze Bagage saß in den vordersten Kirchenbänken: Onkel, Tanten, Schwestern, Neffen, Vettern und Cousinen.

von Alain Fux

Die ganze Bagage saß in den vordersten Kirchenbänken: Onkel, Tanten, Schwestern, Neffen, Vettern und Cousinen. Die Couponschneiderbande. Alwin stand natürlich im Mittelpunkt. Es war sein Tag. Zuerst lag er längere Zeit mit dem Gesicht nach unten vor dem Altar. Das erinnerte Tilo daran, dass er seinen Bruder früher immer wieder gerne niedergerungen hatte, bis Alwin um Gnade betteln musste. War eine gute Vorbereitung auf seinen Beruf, fand Tilo. Dann durfte sich Alwin endlich aufrichten. Ein bisschen steif der Gute, die Bandscheiben sind nicht mehr die besten. Ein wenig Schwimmen würde ihm guttun.

Alwin kniete nieder. Nacheinander traten die drei Bischöfe mit ihren Nikolausmützen vor ihn und legten ihm die Hände auf den Kopf, als wollten sie seine Gedanken lesen. Das hätte er auch mit Gutzeit und Pieper machen sollen. Jetzt hielten sie ein Buch über Alwins Kopf, als wollten sie ihn davor schützen, dass noch mehr Leute an seinen Kopf greifen. Dann gab es Geschenke. Zuerst bekam Alwin den Bischofsring übergestreift. Alwin, der Bischof. Alles, aber das hätte er nicht erwartet. Obwohl es ja ein bisschen wie bei den Pfadfindern aussah, nur mit älteren Knaben. Und bei den Pfadfindern hatte Alwin sich ja immer wohlgefühlt. Dann ein Brustkreuz, das man ihm um den Hals hing. Schließlich der Nikolaushut. Klar, andersherum wäre schwierig. Gute Prozesskontrolle. In Jahrtausenden eingeschliffen. Jetzt sah er selbst aus wie der Nikolaus. Noch der Stab, ja. Ein Hirtenstab aus Gold und Silber für den neuen Bischof Alwin I., der sich jetzt zu seiner Gemeinde umdrehte und alle segnete.

Tilo hatte den Eindruck, als ob er ihn ganz besonders angeschaut hätte. Aber was soll’s, für Tilo war es immer noch der kleine Alwin, so unbeholfen in vielem. Besonders wenn es um Mädchen ging. Ob er immer noch Frau Schäfer als Haushälterin hatte? Bestimmt, wo soll sie sonst auch hin, der giftige Drachen. Dann entdeckte er sie auch in einer der mittleren Reihen. Tilo hatte sich schon immer gefragt, wie Alwin das so mit seinen sexuellen Bedürfnissen machte. Er war ja auch nur ein Mann. Ob er immer nur Handbetrieb machte. Frau Schäfer würde ihm bestimmt nicht dabei helfen. Obwohl, auch sie hatte bestimmt Bedürfnisse, die sie nirgendwo befriedigt bekam. Eigentlich ein gutes Arrangement, die beiden.

Jetzt wurde noch gesungen. Tilo schaute auf die Uhr. Schon zweieinhalb Stunden dauerte die Veranstaltung. Bei dem anschließenden Empfang würde er sich bald verabschieden. Er hatte guten Willen bewiesen, war dagewesen. Damit war auch gut. Irgendein Familienmitglied würde ihn bestimmt noch mit Fragen zur Firma löchern.

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