(208) ‚Willkommen in der Provinz‘, dachte Schellenberger als er aus dem 911er stieg…

von Alain Fux

‚Willkommen in der Provinz‘, dachte Schellenberger als er aus dem 911er stieg und in das Hauptgebäude der Schellenberger Drucklufttechnik GmbH hineinging. Er war der letzte Schellenberger, der noch hier arbeitete, die anderen warteten nur noch auf die Ausschüttungen. Er ließ die Begrüßungen von allen, die ihm über den Weg liefen, huldvoll über sich ergehen. Frau Giesmann brachte ihm erst einmal einen Espresso und die Terminliste. Die übliche Abfolge von Terminen mit Angestellten, die ihren Job nicht alleine erledigen konnten und seine Meinung brauchten.

Schellenberger öffnete den Aktenkoffer und nahm Fotos von dem Tauchgang zur 455 heraus. Es klopfte. Arnulf Gutzeit, der COO trat herein, gefolgt von Hermann Pieper, dem CFO. Schellenberger zeigte die Fotos herum und erzählte die verkürzte Story des Tauchgangs. Gutzeit und Pieper konnten es eh‘ nicht würdigen. Machten aber gute Miene dazu. Waren ja auch beachtliche Aufnahmen. Er musste Frau Gieswein noch daran erinnern, den Kontakt zu diesem Journalisten aus dem Geschichtsmagazin auszugraben.

„Was gibt es denn Neues hier, meine Herren?“, fragte Schellenberger schließlich. Er registrierte einen nervösen Blick von Pieper auf Gutzeit, der sich räusperte. „Soweit ist alles im Lot. Bei den Umsätzen im Plan und bei den Kosten haben wir sogar mehr erreicht als erwartet.“ – „Das ist ja erfreulich, meine Herren. Gut gemacht.“ – „Oh ja. Es gibt eine kleinere Sache. Das hat mit den neuen Kompressoren zu tun, dem ShellMaster 353. Es gab Reklamationen, mehrere Totalausfälle. Wir werden das genauer überprüfen müssen…“ – „Ja, das sollten Sie mal machen, Herr Gutzeit. Das ist ja schließlich Ihr Job, nicht wahr?“ – „Natürlich, Herr Schellenberger. Wir tappen zwar momentan noch etwas im Dunkeln. Aber es wird uns bestimmt etwas einfallen.“ – „Sehr gut“, brummelte Schellenberger und ging ins Sekretariat. „Haben Sie die Flugtickets für meine Lustreise morgen?“ – „Wenn Sie die Reise zu der Bischofsweihe Ihres Bruders meinen, dann ja.“, antwortete Frau Giesmann. „Perfekt. Gibt es sonst noch etwas, was ich hier tun muss? Sonst würde ich heute früher gehen.“ – „Es ist alles im Griff, Herr Schellenberger. Ich schicke Ihnen alles wie gehabt auf Ihr Iphone. Ich hoffe, es wird morgen ein schönes Fest.“ – „Ach ja. Es wird bestimmt sehr lustig, mit all diesen angegrauten Herren im Spitzenfummel.“ Schellenberger ging zurück in sein Büro und wunderte sich, dass Gutzeit und Piper immer noch diskutierend am Besprechungstisch saßen.

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