(207) Tilo Schellenberger bestellte noch einen Cognac.

von Alain Fux

Tilo Schellenberger bestellte noch einen Cognac. Die beiden Schluffis, an deren Tisch er sich eingeladen hatte, blieben bei Kaffee. „Wir hatten das Gebiet schon mehrfach mit dem Echolot abgegrast. Aber dann sahen wir einen Schatten. ‚120 Meter Tiefe‘, sagte der Ingenieur. Ich: ‘Das schau ich mir an.‘ Ich war diesem verdammten U-Boot schon seit Jahren auf der Spur. Die verschollene U-455.“ Die Schluffis nickten. Schellenberger trank den Cognac auf Ex und sog an seiner Davidoff.

„Ich steige also in den Tauchanzug und lege den Rebreather an. Währenddessen setzt die Mannschaft zwei Bojen mit Grundgewichten aus. 70 Meter auseinander – so lange ist das U-Boot! Ich spring ins Wasser, greif mir die Leine an einer der Bojen und dann geht es hinunter. 120 Meter. Die Sicht ist halbwegs gut, aber es gibt eine verdammt starke Strömung. Zwei Leute kommen mit mir runter, einer mit Kamera. Das werden tolle Bilder, sag ich Euch. Und dann bin ich unten, stehe am Bug. Es ist ein U-Boot und es hat ganz klar die Form eines Typs VII C. Es ist natürlich alles mit Muscheln bewachsen. Langusten laufen auf der Außenhaut rum. Mein Herz klopft wie wild. Es muss die 455 sein, alles andere wäre undenkbar. Wir schwimmen einmal um das Wrack herum. Es scheint völlig intakt. Bloß an der Heckseite ist ein Loch. Ich tippe auf eine Seemine, bin aber natürlich kein Experte. Es ist ein Wahnsinnsgefühl, das Boot zu berühren. Aber natürlich auch ein Moment großen Respekts, denn da drin liegen immerhin 50 tote Seeleute, das darf man nicht vergessen.

Wir schwimmen jetzt noch mal drüber und schauen uns den Turm genauer an. Man sieht noch Reste von den Teakholzauflagen. Die Außenhaut ist hier noch völlig dicht. Die sind gesunken wie ein Stein. Was für ein Scheißtod. Da war noch kein anderer Taucher am Wrack, ich bin der Entdecker. Die U455 ist nicht mehr verschollen. Was für ein Gefühl.

Aber jetzt, der Lackmustest. An der Vorderseite des Turms gab es bei der 455 eine aufgemalte Zeichnung. Ein schnaubender Stier. Das nennt man Maling. Ganz einfach mit weißer Farbe drauf. Da machten sich die Mannschaften eine Freude damit. Hatten ja sonst nicht viel Erfreuliches. Wir rubbeln den Benthos von der Stahlwand. Und dann kommt er zum Vorschein, der schnaubende Stier. Es ist die 455. Ich hätte vor Freude aus dem Tauchanzug springen können. Wollte gar nicht mehr hoch, obwohl die Strömung mächtig an uns zerrte. Das war kein Tauchgang für Weicheier, sage ich Euch. Dann sind wir aber wieder nach oben. Es war ein toller Moment.“ Schellenberger paffte an seiner Zigarre und starrte auf die Horizontlinie draußen.

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