(205) Sie hatte es zugelassen, nicht aus Fahrlässigkeit, sondern weil es eine Gelegenheit war…

von Alain Fux

Sie hatte es zugelassen, nicht aus Fahrlässigkeit, sondern weil es eine Gelegenheit war, einen Tapetenwechsel zu forcieren. Den Entschluss, Alicante zu verlassen, hatte Sonia schon länger getroffen, die Umsetzung aber immer wieder hinausgezögert.

Jetzt gab es kein Zurück mehr. Der Gassensex mit dem lieben, aber tumben Isidor gab ihr keine andere Wahl. Sonia kannte Marta schon seit ihrer Kindheit und hatte sich insgeheim immer geärgert, dass der faulen und dummen Marta immer alles mundgerecht hingelegt wurde, während sie für alles kämpfen musste. Sonia hatte auf jeden Fall in der zu erwartenden Auseinandersetzung mit Marta schlechte Karten. Sie musste weg und hatte auch schon einen Plan.

Hassan Mahmoudi hatte sie zum ersten Mal vor Monaten im Penelope getroffen. Er hatte ihr beim Tanzen zugesehen und sie dann in den VIP-Bereich kommen lassen. Zusammen hatten sie Cocktails getrunken und geredet. Irgendwann nahm er sogar die Sonnenbrille ab, als sie ihn darum bat. Hassan war immer wieder in Alicante, dazwischen schipperte er mit seiner Yacht, der Maximum, kreuz und quer durch das Mittelmeer. Er hatte sie schon mehrmals gefragt, ob sie mal mit ihm kommen wollte. Bisher hatte sie immer abgelehnt. Jetzt aber war der Moment gekommen.

Sie rief Hassan an und fragte, ob er immer noch Interesse habe. Er hatte. Er bot ihr an, noch am gleichen Tag, am Abend, auszulaufen Richtung Sardinien. Den Sonntag über regelte sie einige Dinge ihre Wohnung betreffend. Sie packte wenig, aber genug, um damit eine unbegrenzte Zeit unterwegs sein zu können. Vielleicht würde sie nach Alicante zurückkehren, vielleicht auch nicht.

Der Typ, der ihre Wohnung erst einmal übernahm, kam am Abend, um den Schlüssel abzuholen. Dann ging sie zum Hafen. Die Maximum sah von hinten aus wie ein geöffneter Papageienschnabel oder ein aufgerissenes Fischmaul. Der Skipper half ihr an Bord und kümmerte sich um ihr Gepäck.

Hassan nahm Sonia in Empfang und überreichte ihr das erste Glas Champagner. Er stieß mit ihr auf eine aufregende Reise an. Dann zeigte er ihr die Yacht. Alles, auch ihre Kabine, war sehr geschmackvoll und luxuriös eingerichtet. Es waren keine anderen Gäste an Bord. Als die Yacht langsam aus dem Hafen von Alicante auslief, saß sie mit Hassan auf dem hinteren Sonnendeck, das über eine angedeutete Brücke mit der Master Suite verbunden war. Die letzten Sonnenstrahlen erleuchteten oben noch den Castillo de Santa Bárbara, während an der Explanada de España bereits die Straßenlampen ein warmes, rötliches Licht verstrahlten. Hassan legte ihr den Arm um die Schultern.

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